Stell dich bitte kurz vor:
(1)Wenn ich durch meine Umwelt gehe, bemerke ich, dass ich junge _Mutter bin. Mein Kind ist das erste in meinem Freund_innenkreis. Ich bin Lina…

Wie lange bist du schon Mutter*?
(2)…und seit 4 Jahren _Mutter zwischen Studium und Arbeit.

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft
(3) //How They Do Where We From

_Mutterschaft ist für mich Treibstoff von Familie, ich bin Kind einer alleinerziehenden Mutter. – Das ist mehr Erfahrung, denn Ideologie.

Mein Vater hat mich schlecht behandelt; 3 von 4 Malen versetzte er mich – ohne Nachricht. Oft kamen Tage später fadenscheinige Entschuldigungen.

Das macht was mit dir als Kind. Es zerreist dich, jede Minute die nach der Verabredungszeit vergeht ohne ein Klingeln. Nach 10 Minuten die unsicheren Blicke an meine Mutter gerichtet, nach 15 Minuten das langsame Anlaufen des Alternativprogramms, das sie stets aus dem Ärmel zu schütteln vermochte und nach 30 Minuten doch Rotz und Wasser heulend in ihrem Arm. Wie choreographiert.

Bilanziert hat er mir viele Schmerzen bereitet und ich könnte nicht mal sagen, wann wir wirklich Spaß gehabt hätten. Er ist einer der _Väter, der sich unrecht behandelt fühlt, gar noch in eine Vaterrechtsgruppe gehen würde. Und zu allem Überfluss seine zweite Familie dem neuerlich aussetzt.

Ich habe meiner Mutter im Stillen oft vorgeworfen, dass sie ihm immer wieder die Möglichkeit dazu gegeben hat.

Heute weiß ich aus eigenem Erfahren, was für Kräfte auf _Mütter in dieser Situation einwirken, eigene Empfindungen, die Mär von der Notwenigkeit eines sozialen Vaters idealerweise in Form des _Erzeugers, vielleicht finanzielle Not und zu allererst der Wunsch, dem Kind alle Möglichkeiten offen zu halten: auch im Kontakt zum _ihm.

Und genau das ist Elterschaft, ein Balanceakt, in dem mensch das Kind und dessen Wohlergehen immer wieder über das eigene stellt; vorausschauend und liebevoll handelt. In dem das Kind nicht nur episodenhaft Teil des eigenen Handels und Empfinden ist, sondern als Konstante.

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Wieviel Vater ist in eurem Leben?
(Wie) unterstützt er euch?
(4) //Much Too Much Too Much

Es ist sicher mehr Vater in unserem Leben, als ich mir wünschen würde, wenn gleich ausbleibender Unterhalt, Vergewaltigungs- und Morddrohungen, die polizeilich lapidar unter „Nachstellung“ gefasst werden, wohl nicht Unterstützung genannt werden kann, im Gegenteil ist unser Leben ungleich schwerer als wären wir nur mit der _Vaterleere konfrontiert.

Wer unterstützt euch?
(5) //This is Family Buisness

Familiäre Unterstützung ist solitär. In meinem konkreten Fall jedoch, als Einzelkind, einer alleinerziehenden Mutter und mit weggebrochener väterlicher Seite aus 2 Generationen heißt das, dass von 4 potenziellen Großeltern 1 übrig bleibt. Diese ist – gerade doppelt so alt wie ich – in Vollbeschäftigung.

Ich bin schlecht darin, um Hilfe zu bitten, was auch an dem erweiterten Anforderungskatalog liegt, der Alleinerziehenden auferlegt wird. Das Gefühl noch mehr Zeit nicht mit meinem Kind zu verbringen, wo ich weiß, dass es bereits seine Grenzen erreicht hat, hält mich ebenso zurück.

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
(6) //How Bizzare

Wir leben zu zweit unter dem Hartz 4 Niveau einer Person. Von Ämtern erhalte ich Antwortschreiben á la „Sie müssen darlegen, wovon sie leben. Ihr Leben ist nicht plausibel. Bis dahin können wir ihnen nichts zahlen.“ Wenn ich mein Studium aufgäbe, würde ich mehr Geld für uns haben, mir mehr zustehen, müsste keine Schulden mehr machen; ich würde allerdings das wage Versprechen verlieren, dass ich unsere Situation auf lange Sicht verbessern kann. Ich. Denn außer mir ist nichts. Wird nichts.

Harte Zahlen:
Ich habe nur 4 laufende Posten

  • Miete
  • Krankenkasse
  • Strom
  • Telefon

auf niedrigem Niveau. Sind sie bezahlt, bleiben 120 Euro für uns zu zweit.

Davon benötige ich schon mal 25 Euro für eine Creme, die das Kind monatlich braucht, aber nicht von der Krankenkasse getragen wird. Alles Übrige muss dann für Lebensmittel von zwei Menschen, Essenspauschale des Kindergartens, Waschmittel etc, und nicht zuletzt Kleidung für ein schnell wachsendes Kind genügen und ichweißdochauchnicht.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
(7) //Everyday I’m Husteling

Dienstag. Wir stehen auf, spielen ein wenig gemeinsam, weil die Zeit es zulässt, essen -meist warm; das mache ich hauptsächlich für mich. Nach dem Frühstück brechen wir auf in den Kindergarten. In der Nacht davor habe ich bereits Unterlagen sortiert, um gleich von dort aus zu einem Amt gehen zu können. Sie wollen Belege vom anderen Amt, die wiederum von den Belegen von ihnen abhängen. Keine_r will anfangen. (Mehrere Schriftstücke werde ich an folgenden Amtstagen hin und her tragen, nach 3 Monaten wird eine_r anfangen. Da wird bereits ein Antragzeitraum schon bald wieder auslaufen und muss neu beantragt werden. Es beginnt von vorn. Sisyphos.) Auf dem Weg beschäftigen mich Telefonate, wenn ich endlich 13 Uhr in der Universität ankomme, bleiben mir noch 3 Stunden, um zu studieren, nicht mal die Hälfte von 8 angesetzten. Veranstaltungen nach 16:30 kann ich nicht wahrnehmen, zumindest nicht ohne Geld für eine Betreuung aufzubringen, wo wir wieder einen Punkt weiter oben sind.

Mein Kind so spät abzuholen, fühlt sich schlecht an. Nicht, weil es sich andere von mir wünschen, sondern weil es sich das Kind wünscht. Ich kann nicht alternieren mit einem weiteren Elternteil, also lasse ich hin und wieder Arbeit liegen, die ich nicht mehr aufholen werde, damit er wenigsten ein bisschen mehr hat. Es stellt sich täglich wieder die Frage, ob ich an unserer Zukunft oder unserer Gegenwart sparen soll. An meinem Schlaf, meiner Gesundheit, meinem Kind? Nicht meinem Kind. Gemeinsam gehen wir dann noch einkaufen, erledigen den Haushalt – in jeder Aufgabe, die erledigt werden muss, versteckt sich ein Spiel, wir müssen es nur finden. Wenn wir nach Hause kommen, schaffen wir es noch in Ruhe zu essen, bevor das Sandmännchen lockt. Danach können wir noch basteln, Lego stapeln, Bärchen bekochen. Mein Kind schläft spät, ich glaube so holt es sich Zeit mit mir. Zeit, die wir genießen. Wenn es lieb war, bekommt es am Abend eine zweite Geischichte. Ein Wunder, dass es trotz all der gähnend ausgesprochenen Worte noch versteht, worum es geht. Hihi. Um halb zehn, schläft es. Häufig schlafe ich dann auch neben seinem Bett auf dem Boden ein.

Wenn ich aufwache, weil mir zu kalt wird, erledige ich schnell noch ein paar Dinge für den nächsten Tag, denn der kommt schneller als mir lieb wäre.

Was ist schwer?
Was ist leicht?
(8) I Know You’re Fed Up Ladies But Keep Ya Head Up

Cissexism ist schwer. Als non binary trans _Mutter, muss ich mich oft zurücknehmen und schweige, weil ich nicht weiß, auf welchen Boden ein Coming-out trifft. Lebe mit Misgendering aller orten, weil möglicherweise nicht ich, sondern mein Kind Konsequenzen daraus erfahren wird. Überhaupt ist politische Arbeit massiv eingeschränkt. Wenn Dinge stattfinden, kann ich idR nicht, dann sind wir zu zweit und ich möchte mein Kind nicht zu Veranstaltungen (auch am Wochenende) oder auch privaten Treffen zerren, auf denen wir dann ohnehin nur allein in einer Ecke spielen und das noch unter der Beobachtung der anderen. Das kann ich zu Hause entspannter haben.

Zumindest kann ich meine Pläne anpassen ohne Absprachen treffen zu müssen, das immerhin ist leicht.

 Was/Wer* empowert dich?
(9) // I Wouldn’t Want To Be Anybody Else

Der Umstand, dass ich meine Mutter als Alleinerziehende von Anfang an erlebt habe und meine Kindheit trotz Entbehrungen gut war, gibt mir Zuversicht, dass ich das auch für mein Kind gestalten kann.

Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
(10) //I Give A Holler To My Sisters On Welfare

Das Amt ist ein verheirateter Mann. Genau wie der sichtbare Teil der Gesellschaft.

Dazu nur ein praxisnahes Besipiel: Wenn ich als _Alleinerziehende (und 9 von 10 sind keine Väter) meine Regelstudienzeit überziehe, kann ich zwar mehr Urlaubssemester nehmen, in diesen aber keine Prüfungsleistungen erbringen, wenn ich zumindest Hartz 4 erhalten, also finanziell auf niedrigstem Niveau leben möchte. Erbringe ich Prüfungsleistungen, was ich als _Alleinerziehende ja muss, um den Stoff in der kurzen Betreuungszeit unterzubringen, so erhalte ich keine Leistungen, weder Bafög, noch Harz 4.

Ich hätte mein Studium abrechen müssen. Ich habe mich stattdessen für Schulden entschieden, unwissend, ob ich die wieder loswerden kann. Und selbst wenn der Tag kommt, muss ich ja noch Bafögrückzahlungen und Anwaltskosten, die für das Einklagen des Unterhalts, den das Kind natürlich trotzdem nicht erhält, anfielen, schultern.

Es ist essentiell, Familien, also alles wo Kinder sind, zu fördern, anstelle von Ehen, sonst ziehen _Mütter aller orten den Kürzeren. 

Was fehlt?
(11) //Get Me Bodied

Es fehlt an Vielem. An physischer Sicherheit vor allem. An Zeit. An Geld. An Körperlichkeit, die zumindest in die wage Richtung meiner Bedürfnisse geht. Immerhin, bis jetzt fehlt es dem Kind an nichts. Toi Toi Toi.

(Was auch fehlt: Anerkennung. Oftmals gereicht meine Situation meiner Umwelt als etwas, dass Disabillity Aktivist_innen als Inspiration Porn bezeichnen. Ich bin es satt, als _die gesehen zu werden, _die stark ist, aber _die du nun wirklich nicht beneidest.) 

Was wünschst du dir von deiner Umwelt?
(12) //Where Ain’t Nobody Keep On Holding Us Down

Menschen gehen davon aus, mich allein sehen zu können. Ich weiß nicht, wie das gehen soll? Es gibt keine kinderfreie Zeit für mich außerhalb der Tagespflegezeiten, es gibt keine Vaterwochenenden. So bald mal meine Mutti mit meinem Kind eine Runde dreht, geht diese Zeit in Kompensation liegen gebliebener Aufgaben; existenzieller Aufgaben. Zum Vergleich: Es gibt vllt einen Kinderfreien Abend im halben Jahr. Die letzen dieser Art habe ich in der Hochschule durchgemacht.

Sag doch mal: Wollen wir 3 uns im Zoo treffen, ich zahle den Eintritt. Das könnte klappen. 

Was wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
(13) //Lay Back And Let The Vibe Just Flow

Ich habe nicht so hart um unser Bestehen gekämpft, um Kompromisse einzugehen. Mit dem Anspruch an mich selbst sind auch Ansprüche an andere gestiegen. Eine zweite erwachsene Person, mit der ich einen Haushalt teile, würde allerdings vieles vereinfachen. Ich suche aber nicht. Offen gesprochen gehe ich davon aus, dass die Dinge so bleiben werden, wie sie sind.

Findest du Support im Feminismus?
(14) //I Think they suck and my friends agree.

Als trans Parent finde ich nicht genug Unterstützung in dem Feminismus, der gerade kleinster gemeinsamer Nenner ist. Was ich aber über den Feminismus gefunden habe: Starke Menschen, die in Situationen wie der meinigen leben und doch überquellen von Support. Das ermutigt mich. Wir ermutigen uns gegenseitig. Feminismus hat mir gleichzeitig viel beigebracht und mir Werkzeug gegeben, für mich aber insbesondere auch für andere einzustehen. Kurzum: FeminisMUSS!

Platz für Wichtiges das ich vergessen habe:
(15) //A Melody I Start But I Will Complete

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#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbild © Lina

 

 

 

 

 

 

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