CN: Rassismen

Neulich unterhielt ich mich mit einem Vater über seine Rolle als eben solcher. Wie der Vater meines Kindes, ist er Schwarz & nicht in Deutschland aufgewachsen. Wie der Vater meines Kindes liegen seine Prioritäten nicht als erstes bei seinem Kind. Moment .. An dieser Stelle muss ich stocken… Es soll hier nicht darum gehen ein Vorurteil zu bestätigen… im Gegenteil. Es stimmt auch nicht so ganz, das mit den Prioritäten. Schwierig zu erklären.

Es war nur ein kurzes Gespräch und doch enthielt es viel. Es ging um persönliche Kämpfe und Rassismus – „Als Schwarzer Mann in Deutschland hat man es nicht leicht…“ – und um die Exotisierung & Sexualisierung durch weiße Frauen. Zuschreibungen. Er hat natürlich Recht, aber wäre es nicht gerade deshalb sinnvoll sein Kind darauf vorzubereiten und für es da zu sein? Ich kam leider nicht mehr dazu ihm diese Frage zu stellen. 

Ich habe mich immer oft gegen das Bild vom fremdgehenden, afrikanischen Lebemann gestellt & dafür durchaus Dinge in Kauf genommen, die ich ohne den rassistischen Druck meiner Umwelt vielleicht nicht so ohne weiteres zugelassen hätte. Beweisen wollen, dass nicht alle so sind… mir gleichzeitig nicht unbedingt meiner eigenen Privilegien bewusst. ich bin nicht frei von Rassismus. auch jetzt nicht wo ich mich kritisch mit meinem Weißsein auseinander setze. Meine Privilegien bleiben. weiße Sozialisierung, verinnerlichte Rassismen, lassen sich nicht von heute auf morgen abschütteln. Wieviel Exotismus steckte also in meinen Beziehungen/ meinem Begehren? Ich arbeite noch an einer Antwort. Vielleicht auch, weil sie nicht leicht zuzugeben ist.

„Ist der Vater denn noch da?“ Es fällt mir immer schwer auf Fragen von weißen Menschen betreffend des Kindsvaters zu antworten – mal ganz davon abgesehen, dass die Antworten die fragenden Menschen in den meisten Fällen nichts angehen – weil ich weiß, dass ich mit meiner Geschichte Vorurteile bestätige.

Der Kindsvater ist ein Arschloch aber ich will nicht, dass das an seiner Herkunft festgemacht ist. Das ist schlichtweg falsch. Auch wenn die Umwelt seine nicht-deutsche Herkunft immer wieder zum Problem gemacht hat – für ihn und die Beziehung. (Viel eher würde ich vermuten, dass die negativen Erfahrungen, die er hier gemacht hat, ihn beeinflusst haben, aber auch das wäre keine Entschuldigung für sein Verhalten.)

Wem das nicht objektiv genug ist: Der aktuelle Text zu migrantischen Vätern bei umstandslos fasst die Situation dieser sehr gut zusammen und bietet weiterführende Literatur.

und ich stelle mir tatsächlich regelmäßig die Frage, wieviel Rassismus bei den Entscheidungen der Behörden was unseren Umgangsstreit angeht mitschwingt. Wieder die „kulturellen Unterschiede“, eine Augenbraue, die hochgeht, wenn du das Herkunftsland des Vaters nennst, eine Notiz etc pp.

Das Kind brauche zur Identitätsfindung doch (auch den anderen Teil) ihre(r) Wurzeln. Ja, aber nein und vorallem: zu welchem Preis?

Meine Erfahrung zeigt, dass von beiden Seiten schnell die unterschiedlichen Kulturen als Argument für alles mögliche vorgeschoben werden. Je nachdem wie es gerade passt als Anklage oder Entschuldigung. Auch abseits von Behörden, in den Familien selbst. Es ist komplex. Wie eigentlich immer.

Die Dame von der Erziehungsberatung stellt immerhin fest, dass ihr erhöhtes Zusammentreffen mit unzuverlässigen afrikanischen Vätern eventuell an ihrem Beruf liegen könnte.

Womit wir beim beim Knackpunkt wären: Die positiven Beispiele bleiben in der Regel unsichtbar. Zwar werden momentan überall Väter gelobt, aber diese sind weiß, nicht of Color. Obwohl es unter letzteren selbstverständlich ganz hervorragende Väter gibt, werden sie nicht benannt. Es ist „The danger of a single story.

Trotzdem profitieren auch sie vom patriarchalen System und der Annahme das Mütter praktisch per default für die Kinderbetreuung zuständig sind. Für Väter ist es immer leichter zu gehen. 

Ich habe im Prolog zu #ohneVaeter schon angesprochen, dass die Analyse der Verhältnisse nicht die einfachste ist und dass ich u.a. das deutsche Aufenthaltsrecht als Ursache einiger der Probleme sehe:

Zum Teil auch, weil es gerade für Väter of Colour oft gilt das Stereotyp des abwesenden Vaters zu brechen mit eben ihrer Anwesenheit. Es ist an der Stelle manchmal gar nicht so leicht das eine nicht gegen das andere aufzuwiegen, es gibt z.B. eine Tonne von Gründen, warum ich denke, dass die rassistische Politik gegenüber Ausländern und Geflüchteten mit dafür sorgt bestimmte Familienkonstellation zu problematisieren – Eine davon ist z.B. das Aufenthaltsrecht an die Elternschaft zu knüpfen.

Die Gesetzeslage führt dazu das Kinder auf die Welt kommen, die unter anderen Umständen möglicherweise nicht entstanden wären. Ich kann und will den Menschen keinen Vorwurf machen, wenn sie dadurch (versuchen) aus einer präkeren Situation, die vom System verursacht wurde, raus(zu)kommen, doch da sind Konflikte vorprogrammiert. Besonders dann, wenn die Behörden darauf bestehen, dass Kontakt nachgewiesen wird selbst wenn es – aus welchen Gründe auch immer – für alle Beteiligten besser wäre sich aus dem Weg zugehen. Während weiß-deutschen Vätern praktisch keinerlei Konsequenzen drohen, wenn diese weder finanzielle Unterstützung  noch carearbeit leisten, geht es hier oft um die Existenz und mehr. 

(Bei ausländischen Müttern of Colour, die auf ihre weißen Partner angewiesen sind, ist die Situation oft sogar noch prekärer, die Abhängigkeit und die Gefahren im Zweifelsfall noch größer, aber das ist einen eigenen Text wert.)

Wenn weiße Mütter und Behörden dafür kein Verständnis haben, liegt das i.d.R. nicht an den kulturellen Unterschieden, sondern an verinnerlichtem, an strukturellem und institutionellem Rassismus in Deutschland. Manchmal wird das bewusst ausgenutzt. Doch selbst wenn es Verständnis gibt, legt dieser Rassismus viele Steine in den Weg.

Oft ist es eine persönliche Gradwanderung zwischen eigenen Bedürfnissen, denen der Kinder und dem Wissen ob des ungerechten Systems. Für beide Seiten eine Zwickmühle.

Share: