Stell dich bitte kurz vor:
Ich bin gerade 40 Jahre alt geworden. Ich hatte, besonders in den letzten 10 Jahren ein sehr bewegtes Leben, in dem ich viel gereist bin und viel Neues ausprobiert habe, sei es beruflich oder privat. Nach einer beruflichen Auszeit und einer wahnsinnig tollen 7-monatigen Reise quer durch Südamerika, habe ich seit Ende 2009 in Perú gelebt und gearbeitet. Nach der Trennung von meinem Noch-Mann Anfang 2015 bin ich Ende April 2015 mit meiner Tochter wieder nach Deutschland zurückgekehrt, wo ich wieder in meiner alten Heimat, dem Ruhrgebiet lebe.

Wie lange bist du schon Mutter*?
Meinte Tochter wurde im April 2014 geboren. Sie ist mein einziges Kind.


Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft?
Familie ist sehr wichtig für mich – ein Rückhalt, auf den ich mich in guten wie in schlechten Zeit verlassen kann, bedingungslose Liebe. Meine Familie sind für mich in erster Linie meine Tochter, meine Mutter und mein Bruder. Mein Vater ist gestorben als ich noch ein Teenager war. Seit ich selber Mutter bin, ist meine Familie noch wichtiger für mich geworden. Nach der Geburt meiner Tochter, die in Perú zur Welt kam, war es für mich sehr schwierig, dass meine Familie so weit weg war.

Elternschaft ist für mich eine wahnsinnig verantwortungsvolle Lebensaufgabe. Auch als ich mit meinem Noch-Mann noch zusammen war, habe ich für Vieles alleine die Verantwortung übernommen. Dass meine Tochter in meinem Leben ist, ist eine unbeschreibliche Bereicherung, aber es ist wohl auch die anspruchsvollste Aufgabe, die ich je hatte. Ich möchte, dass es ihr an nichts fehlt und gebe ihr all meine Liebe und möchte sie vor allem schlechten beschützen – dafür stelle ich meine eigenen Bedürfnisse erst mal ganz weit nach hinten.

Wieviel Vater ist in eurem Leben?
Der Vater meiner Tochter lebt nach wie vor in Perú, ist also physisch seit Ende April 2015 kein Teil unseres Lebens. Meiner Tochter zuliebe telefonieren wir mindestens jeden zweiten Tag mit ihm über Skype oder ich schicke Fotos.

(Wie) unterstützt er euch?
Gar nicht. Er zahlt keinen Unterhalt. Für mich selber ist der Kontakt mit ihm einfach nur eine riesengroße Belastung.

Wer unterstützt euch?
Meine ganze Familie unterstützt mich sehr. Meine Tochter und ich wohnen seit April 2015 bei  meiner Mutter und sie hat uns die ganze Zeit über in jeder Hinsicht, auch finanziell, unterstützt. Ohne sie hätte ich das alles nicht so reibungslos hinbekommen. Auch auf den Rest meiner Familie (Onkel, Tante, Cousinen) kann ich mich verlassen und sie greifen mir beim Umzug etc. unter die Arme und auch einfach dadurch, dass sie immer ein offenes Ohr haben.

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Mittlerweile wieder ganz gut. Ich habe seit Januar einen neuen Job und mit dem, was ich verdiene plus Kindergeld, kommen wir beide ganz gut über die Runden.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
Wir stehen morgens um kurz vor 6 auf, machen uns fertig, frühstücken schnell – dann laufe ich mit meiner Tochter zur KiTa, von da aus zum Bahnhof und fahre dann mit dem Zug zur Arbeit, wo ich um kurz nach 8 starte. Pro Strecke brauche ich von Tür zu Tür 1 Stunde. Ich arbeite 6 Stunden pro Tag. Mittags hole ich meine Tochter von der Betreuung ab. Dann essen wir zu Hause etwas und spielen, lesen oder gehen bei schönem Wetter nach draussen. Kurz vorm Schlafengehen telefonieren wir fast jeden Abend ca. 15 Minuten mit dem Vater meiner Tochter. Gegen 19 Uhr bringe ich meine Tochter ins Bett. Oft bin ich so geschafft, dass ich einfach mit ihr einschlafe. Ansonsten arbeite ich aber auch oft noch abends am PC, wenn ich etwas im Büro nicht geschafft habe. Ich empfinde unseren Alltag momentan als sehr anstrengend, weil ich kaum Zeit für mich habe – ich hoffe aber, dass sich das ändert, wenn sich alles etwas besser eingespielt hat.

Was ist schwer?
Wie oben schon erwähnt, ist der Kontakt zu meinem Noch-Mann extrem schwierig. Ich habe mich aus guten Gründen von diesem Menschen getrennt und bin seit über einem Jahr permanenten Beschimpfungen und Anschuldigungen sowie Manipulations- und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Jegliche Kooperationsversuche meinerseits scheitern. Sich selbst sieht er in der Opferrolle und ich bin generell der Sündenbock für alles. Ich habe gemerkt, dass es überhaupt nichts bringt, zu erklären oder mich zu rechtfertigen. Aus diesem Grund habe ich die Kommunikation nur noch auf das Allernötigste beschränkt. Er hat jetzt angemerkt, dass er bald für drei Monate nach Deutschland kommen will und seine Vaterrechte voll ausschöpfen möchte. Das macht mir Angst. Ich finde es wichtig, dass meine  Tochter Kontakt zu ihrem Vater hat und würde es auch immer unterstützen (unabhängig von dem, was ich denke), aber die verbale Aggression mir gegenüber ist dermaßen ausgeartet, dass ich große Bedenken habe, wie das überhaupt laufen soll. Die ganze Situation ist eine große psychische Belastung für mich.

Schwer finde ich auch, dass ich oft das Gefühl habe, mich zerreissen zu müssen. Ich arbeite zwar nur 30 Stunden die Woche, von mir wird aber genauso viel erwartet, als wenn ich Vollzeit arbeite. Ich habe dann ein schlechtes Gewissen, wenn ich mittags, wenn ich mit meiner Tochter spiele, die Gedanken an die Arbeit nicht einfach abschalten kann.

Da ich funktionieren muss, damit unser Alltag läuft, schlucke ich vieles einfach runter. In ruhigen Momenten überkommt mich manchmal eine Mischung aus unbändiger Wut, unbeschreiblicher Traurigkeit und Verzweiflung. Es ist auch Angst, die Dinge vielleicht irgendwann nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Das zeige ich nach außen aber nicht.

Was ist leicht?
So problematisch der Kontakt mit meinen Noch-Mann auch ist, so hat sich vieles andere irgendwie wie von selbst gefügt…innerhalb kurzer Zeit habe ich einen Betreuungsplatz für meine Tochter, einen neuen Job und eine Wohnung gefunden. Das lief definitiv besser als ich dachte.

 Was/Wer* empowert dich?

  • Wenn ich sehe, dass meine Tochter so ein aufgewecktes und aufgeschlossenes kleines Mädchen ist, und wie sie aus vollem Herzen lacht und Quatsch macht, geht es mir gut und ich denke, dass ich es richtig mache
  • Wenn ich Zeit für mich habe und Dinge so machen kann, wie ICH es möchte, in meinem Rhythmus
  • Gespräche mit Freunden, bei denen es mal nicht um Kinder geht
  • Der Gedanke daran, dass ich aus dieser ganzen bescheidenen Situation irgendwann in der Zukunft mal als extrem gestärkte Frau hervorgehen werde – Menschen begegnet man nicht ohne Grund. Das ist dann wohl meine Lernaufgabe. Ich merke jetzt, wie ich einen Kämpfergeist und eine Entschlossenheit entwickele, die ich früher nicht hatte. Ich glaube an den Satz: Am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.


Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
Nein, es muss sicherlich viel mehr getan werden, aber ich habe sechs Jahre in einem Land gelebt, wo es null Unterstützung vom Staat für Mütter gibt – deshalb möchte ich auch nicht rumnörgeln.

Was fehlt?

  • Mehr Flexibilität im Job – wenn ich einen Teil meiner Arbeit im Home Office erledigen könnte, würde ich mehr schaffen, würde mich einen langen Fahrtweg sparen und wäre sicher weniger gestresst.
  • Die gesellschaftliche Anerkennung, dass psychische Gewalt von Seiten des Partners genauso schlimm sein kann wie körperliche Gewalt.
  • Mir selbst fehlt definitiv Zeit für mich.

Was wünscht du dir von deiner Umwelt?
Vom Jugendamt wünsche ich mir Verständnis für meine Situation und meine Ängste und konstruktive Lösungsmöglichkeiten im Interesse meiner Tochter.

Was wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Ich habe kein ideales Familienkonzept. Nach meinen Erfahrungen mit meinem Noch-Mann möchte ich auch erst mal laaange Zeit überhaupt nichts wissen von einer neuen Beziehung. Es sind Wunden entstanden, die erst mal heilen müssen. Ich möchte mir erst mal einfach nur auf meine Tochter und meine eigenen Bedürfnisse konzentrieren. Gewünscht hätte ich mir, dass wir nach der Trennung einfach im Interesse unserer Tochter wie normale Menschen miteinander umgehen können.

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#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbilder © Kristine

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