Stell dich bitte kurz vor:
Ich bin 41 Jahre alt und habe zwei Kinder (4 und 6 Jahre alt)

Wie lange bist du schon Mutter*?
Seit 6 Jahren

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft?
Familie, das sind für mich Menschen, die zusammen gehören und zusammen halten.

Wieviel Vater ist in eurem Leben?
0,0 Prozent, (leider auch kein Großvater und nur eine Oma)

(Wie) unterstützt er euch?
Leider gar nicht. Er hat sich seit 3 Jahren nicht mehr bei den Kindern blicken lassen.

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Wer unterstützt euch?
liebe Freundinnen, vor allem meine Mutter, ein sehr guter Freund, mein Onkel, eine Babysitterin und alle 14 Tage eine Putzfrau.

Leider wohnt meine gesamte Familie an einem anderen Wohnort, so dass ich im Alltag alles allein managen muss: im Grunde 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Richtig viel Unterstützung im Alltag habe ich also nicht

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Ich arbeite relativ viel (30 Stunden +X). Durch meine Arbeit, die ich – abgesehen davon, dass es oft zuviel davon gibt- sehr sehr gerne mache, ist zumindest unsere finanzielle Situation relativ entspannt, was aber auch daran liegt, dass wir nicht so viel brauchen und eine sehr günstige Wohnung haben.

Unterhalt bekomme ich leider nicht.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
Wir stehen zwischen 6:15 und 6:30 Uhr auf. Dann frühstücken wir gemeinsam (immer Müsli). Dann gehe ich im Schweinsgalopp unter die Dusche. Um 7:20 Uhr muss ich meine Tochter  zur Bushaltestelle bringen. Von dort fährt sie alleine zur Schule. Danach flitze ich mit meinem Sohn zur Kita und von da aus direkt ins Büro. Dort wartet meist ein interessanter, aber übervoller Arbeitstag auf mich. Um 15:20 Uhr verlasse ich die Arbeit, um schnell, schnell zur Schule zu düsen und meine Tochter abzuholen, von dort, schnell, schnell zur Kita, meinen Sohn abholen und dann nach Hause.

Ist leider aber nicht immer „Quality Time“: Es gibt sie die tollen, lustigen, schönen Nachmittage, an denen wir spielen, lesen, Quatsch machen, malen, basteln oder (sehr selten, weil alle müde sind) mit Freunden verabredet sind. Es gib aber auch die Nachmittage, an denen ich, in dem Moment, in dem wir zuhause ankommen, ausrechne, wie lange es noch dauert bis die Kinder im Bett sind und froh bin, über jede Minute, in der sie alleine beschäftigt sind. Natürlich sind das auch die Nachmittage, an denen es Zoff gibt und sie sich streiten ohne Ende, quengeln etc. Und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich mit den Gedanken nicht da bin, sondern bei dem, was im Büro liegen geblieben ist oder was ich noch erledigen muss, wenn die Kröten endlich im Bett sind.

Zwischen halb sechs und sechs essen wir gemeinsam zu Abend (zum Glück muss ich nicht kochen, weil die Kinder mittags gutes, warmes Essen kriegen; oft bleibt leider meine eigene Ernährung auf der Strecke). Das ist meist eine schöne Zeit, weil die Kinder vom Tag erzählen und eine lustige, weil die beiden viel Unsinn quatschen und machen.

Dann spulen wir ein routiniertes Programm ab: Schlafanzug, Zähneputzen…Und dann kommt für uns alle der gemütliche und entspannte Teil: Ausgiebiges Gute-Nacht-Geschichte lesen. Spätestens um halb acht liegen die Rüben im Bett und ich mache (je nach Bedarf): Aufräumen, Wäsche, Putzen, Rechnungen erledigen, Emails checken, noch was arbeiten, Dinge im Internet bestellen (weil ich im echten Leben kaum zum Einkaufen komme). Wenn es geht telefoniere ich nebenher. Da ich immer alleine bin und nicht allzu oft eine Babysitterin habe, ist das mein Fenster zur Welt.

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Was ist schwer?
Ich bin in der Schwangerschaft „sitzen gelassen“ worden. Die ersten 2-3 Jahre mit zwei kleinen Kindern waren schwer, manchmal war es die Hölle… Ein schreiender Säugling und eine 2,5 jährige sind  eine Herausforderung. Schlimm waren zu Beginn immer die Wochenenden oder die Tage, wenn die Kita zu hatte: Da hatte ich Angst, es nicht zu schaffen. Zumal ich zu der Zeit noch relativ neu in der Stadt war und kaum jemanden kannte, keinen Babysitter hatte und die Familie weit weg wohnt. Schwer war es (und ist es teilweise noch), wenn ein Kind oder beide krank sind, am schlimmsten, wenn es mich selbst erwischt und trotzdem niemand da ist, der mir was abnehmen könnte…Zu alledem kam noch der ermüdende und zermürbende und leider erfolglose Kampf darum den Erzeuger dazu zu kriegen, seine Kinder nicht im Stich zu lassen. Da habe ich richtig Kraft gelassen.

Schwer ist immer noch der Zeitdruck, Kinder und Arbeit unter einen Hut zu kriegen, allen Bedürfnissen gerecht zu werden und angesichts immer länger werdender To-Do-Listen nicht die Nerven zu verlieren und durchzudrehen.

Was ist leicht?
Mittlerweile freue ich mich auf die Wochenenden , weil wir dann autonom als Familie über unsere Zeit verfügen können und Zeit für schöne Dinge haben (und wenn das nur in Ruhe spielen, rumgammeln, gemeinsam kochen oder lesen ist). Wir sind aber auch viel unterwegs, besuchen Freunde, machen Ausflüge und genießen die Zeit zusammen. Richtig leicht fühlt sich noch nicht alles an, aber ich kann sagen: Es ist soooo viel leichter geworden in der letzten Zeit.

Was/Wer* empowert dich?

  • Meine Mutter, von der ich weiß, dass sie immer für die Kinder da ist, wenn ich sie brauche
  • Meine Freundinnen, die ich immer anrufen kann.
  • Austausch, Gespräche mit anderen
  • Tanzen gehen
  • Lesen
  • Und anfangs: eine „Selbsthilfe-Gruppe“ für Alleinerziehende


Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
Nein, das denke ich nicht. Wir leben nach wie vor mit tradierten Rollenbildern, die Frauen die Hauptlast für die Familie übernehmen lassen, bloß dass zusätzlich noch erwartet wird, dass sie auch im Job „ihren Mann“ stehen. Ich denke auch, dass Alleinerziehende finanziell und steuerlich benachteiligt werden. Das Ehegattensplitting gehört abgeschafft und das Geld umgeschichtet: Ich z.B. bekomme Unterhaltsvorschuss, der hört aber nach sechs Jahren auf. Und dann?

Ich würde auch gerne mehr tun, um die Situation zu ändern, aber leider fehlen mir Zeit und Energie (wie vielen AEZ wahrscheinlich auch).

Was fehlt?
Ich persönlich würde mir mehr männliche Bezugspersonen für meine Kinder wünschen. Dadurch, dass ich viele Mütter und Alleinerziehende kenne (weil ich erst seit Geburt der Kinder in der Stadt bin, habe ich keinen heterogenen, gewachsenen Freundeskreis), sind die Kinder viel von Frauen umgeben (ist ja in Kita und Schule auch so).

Was wünscht du dir von deiner Umwelt?

  • Von (einigen) Familien: dass die Väter nicht immer Reißaus nehmen, wenn ich auftauche.
  • Vom Erzeuger: dass er sich endlich um seine Kinder kümmert (utopisch).
  • Von meinen Freundinnen: dass sie so bleiben, wie sie sind.


Was wä
re für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Ich habe kein Familienkonzept (mehr). „Et kütt, wie et kütt“, ich denke alle Familienformen haben Vor- und Nachteile. Im Moment möchte ich mir hier (in unserem Haushalt) keinen Mann mehr vorstellen. Was ich hingegen sehr gerne verwirklichen würde, ist das Wohnen in einem Gemeinschaftsprojekt: möglichst heterogen, möglichst unterschiedliche Menschen mit und ohne Kinder…

Findest du Support im Feminismus?
Ja und nein. Das kommt sehr auf meine Stimmung an. Ich lese viel diesbezüglich. Manchmal fühle ich mich gestärkt, manchmal macht mich das alles so wütend, dass es mich verzweifeln lässt. Auch der Versuch einer gendersensible Erziehung macht das Leben auch nicht gerade leichter in einem Umfeld, wo alle anderen Kinder rollenstereotyp erzogen werden: Barbie, Prinzessin, Ballet und TopModel für die Mädchen, Ninjas, Star Wars, Ritter und Fußball für die Jungen.

Platz für Wichtiges das ich vergessen habe:

„Die Kunst des Lebens besteht darin, im Regen zu tanzen, statt auf die Sonne zu warten.“
Darin bin ich mittlerweile sogar ganz gut 🙂

Insgesamt klingt das, was ich geschrieben habe, vielleicht recht negativ, aber so ist es eigentlich nicht: Im Grunde bin ich froh, zwei so tolle Kinder und einen tollen Job, eine liebe Familie und tolle Freunde zu haben.

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#ohneVaeter
ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbilder © Carola

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