Stell dich bitte kurz vor:
Ich bin alleinerziehende Dreifachmutter, Ende 30. Die Kinder gingen aus einer längeren Ehe hervor, die inzwischen geschieden wurde.

Wie lange bist du schon Mutter*?
Zusammengezählt seit 35 Jahren. 😉

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft?
Familie ist von Haus aus bis vor kurzem ein Konstrukt gewesen, das bedingungslos liebt, verzeiht, immer füreinander da ist und füreinander einsteht. Auch vom Ex-Gatten abgesehen hat das Bild leider im letzten Jahr kräftige Risse bekommen.

Elternschaft ist das Kümmern/Bekümmern von Kindern, primär leiblichen Kindern, aber auch sozialen Kindern. Auf Dauer, komme, was mag. 
Elternschaft ist sicher nicht, sich aufzuplustern mit einer wöchentlichen Aktion oder gar noch weniger, wie es derzeit Mode ist (Minister Gabriel bleibt 2,5 Tage zu Hause wg Kind krank etc. …), und den Rest der Zeit wegen „wasauchimmer“ verhindert zu sein.

Wieviel Vater ist in eurem Leben?
Null. Er fühlt sich ins Abseits gedrängt von mir als Alltagselternteil, weil er nicht alles in mundgerechten Häppchen vorgelegt bekommt, was die Kinder betrifft. Er fühlt sich von der Gesellschaft verraten, weil die ihm nur das Silbertablett bereitet, was seine Elternschaft betrifft, wo es für ihn aber das goldene mit Diamantverzierung sein müsste.

Außerdem leidet er auch sehr darunter, immer wieder von den Kindern Abschied nehmen zu müssen nach dem Umgang, unter anderem deswegen gibt es sehr wenig bis keinen Umgang.

(Wie) unterstützt er euch?
Solange er sich nicht meldet, ist es die größte Unterstützung, die wir durch ihn haben können: Ruhe! Alles läuft in funktionierenden, erprobten Bahnen. Sobald er sich meldet, gibt es Stress und Probleme.

Wer unterstützt euch?
Mental das Netz, Twitter vor allem, ohne meinen Account dort und den Austausch hätte ich bereits öfter Mal absolut resigniert. Im Alltag gibt es kaum Unterstützung, eine Mutter bringt manchmal eines der Kinder nach dem Sport nach Hause.

P1070470Mamamotzt Fotos.jpeg

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Aktuell leider ganz mau. Ich bin selbständig, habe einige Jahre gepflegt, das war tödlich für’s Geschäft!, und wenn es zur Zeit schlecht läuft, Kunden verspätet zahlen etc., belaufen sich die Einnahmen pro Monat auf 576 Euro Kindergeld. Hoffe, dass das kein Standard wird! Unterhalt möchte der Ex nicht zahlen, er findet, da die Kinder bei mir leben, soll ich auch sehen, wie ich das hinkriege. Die Beistandschaft und die Gerichtsvollzieher hat bis jetzt noch jedesmal austricksen können. Er „kann sich leider nicht motivieren, mehr als den Selbstbehalt zu verdienen“, so bleibt für die Kinder eben nichts.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
Viertel vor sechs aufstehen, Frühstück für alle, um sieben geht die Mannschaft geschlossen aus dem Haus (so geil, denn jahrelang starteten die Kinder im Halbstundentakt – verschiedene Einrichtungen – und der Morgen zuppelte sich so dahin, ich sah auf der Uhr immer nur meine Arbeitszeit dahinschmelzen und verspannte mich) und ich starte mit Zeitung und Co. in den Arbeitsalltag im Homeoffice. Ab 12 Uhr ist jederzeit damit zu rechnen, dass ein Kind nach Hause kommt, denn trotz (offener) Ganztagsschulen gibt es Stundenausfall etc. Bis 15.30 Uhr kleckern die Kinder wieder heim, mich nervt’s etwas, und nachmittags müssen alle möglichen Dinge von Kieferorthopäde über Elternsprechtage, Sportvereine etc. und natürlich Hausaufgaben erledigt werden.

Teils haben die Kinder bis 20 Uhr Training, dann geht’s nach Hause und irgendwas muss noch in den Bauch. Abendessen. Während die Kinder beim Sport sind, erledige ich die Einkäufe, übe diverse Ehrenämter aus, um die Gesellschaft ein wenig besser zu machen und schaue nach dem Großvater.

Was ist schwer?
Die alleinige Verantwortung zu tragen, und dass ich in unserem Fall mich dann noch rechtfertigen muss, warum der arme Vater nicht mitmacht, nicht zu erreichen ist oder Entscheidungen nicht mitträgt.

Die ewige Existenzangst.

Dass die Tage lang und die Nächte kurz sind.

Keine Pausen.

Was ist leicht?
Die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit der Kinder zu genießen. Und so schwer es in der Sache auch manchmal ist, gibt es nichts leichteres, als für die Kinder mein letztes Hemd zu geben, in jeder Hinsicht! 
Wie kann der Vater das z.B. bloß nicht tun? – Well, not my
problem.

IMG_0587Mamamotzt Fotos.jpeg


Was/Wer* empowert dich?
Die Hoffnung, dass es besser wird. 😀 Die Kinder werden sicher tolle Menschen, und daran habe ich dann viel Anteil gehabt.

Aktuell habe ich einen neuen Partner, aber die Erfahrung zeigt, dass sich sehr viele Männer sehr schwer tun mit Verantwortung gegenüber Familiensituationen, besonders natürlich, wenn es nicht ihre eigenen Kinder sind. Mir persönlich tut der Partner gut, aber es gibt trotz viel Offenheit so viele Emotions- und Gefühlsgrenzen in Bezug auf die Kinder, dass das Empowerment am Ende doch wieder „nur“ pari ist. 
Kurz: von außen kommt wenig, außer manchmal verständnisvolle Worte anderer Mütter.

Mein Empowerment wäre definitiv mein Brotjob. Aber selbst das wird Alleinerziehenden nicht besonders leicht gemacht.

Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
Tjaaaa, es gibt ja soviele Regeln und Gesetze, dass man meinen sollte, das reicht aus. Nur: umsetzen lassen sich so viele leider nicht, denn es gibt noch mehr Lücken, um sie zu umgehen.

Was fehlt?
Knallharte Sanktionen für Drückeberger-Eltern! Ich würde am liebsten ein Buch mit den unglaublichsten Ausreden schreiben, wie sich Eltern vor ihrer Verantwortung drücken. Aber das würden viele auch destruktiv gebrauchen, also schreibe ich es doch besser nicht.

Was wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Wenn sich mehrere Personen kümmern um die gesamtfamiliären Angelegenheiten, wenn nicht alles auf einer Einzelperson lastet. Egal welche Konstellation die Entität „Familie“ hat.

Wird ja schon besser, sobald die Kinder größer sind, weil jeder Aufgaben übernehmen kann.

Findest du Support im Feminismus?
Ich gestehe: darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. In allem Trubel, der täglich los ist, war es mir (undankbarerweise) noch nicht wichtig genug.


_____________________

#ohneVaeter
ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbilder © Mamamotzt

Share: