Stell dich bitte kurz vor:
Ich bin 30 Jahre alt und habe einen 5-jährigen Sohn. Ich bin zu 50% alleinerziehend, vielleicht also auch eher getrennt erziehend. Das bringe ich mit etwa 35h Arbeit und Theorieveranstaltungen für eine Weiterbildung unter einen Hut.

Wie lange bist du schon Mutter*?
Seit 5 Jahren bin ich Mutter.

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft?
Familie ist das Netzwerk, was sich verlässlich und überdauernd anfühlt. Das können Verwandte, langjährige Freunde oder Partner sein. Keine dieser Kategorien muss Familie bedeuten, jede kann es aber. Elternschaft verstehe ich als die engste Bindung, jedenfalls wenn die Kinder noch klein sind. Es ist aus meiner Sicht auch die wichtigste Bindung für das Kind, die Prototyp-Bindung, auf der dann vieles aufbaut. In der Elternschaft sind Eltern und Kinder keine völlig trennbaren Individuen mehr, und es besteht eine einseitige Verantwortung der Eltern die Bedürfnisse aller auf dem Schirm zu haben und angemessen zu regulieren – ohne dass einer unter die Räder kommt.

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Wieviel Vater ist in eurem Leben?
Im Leben meines Sohnes gibt es zu 50% Vater, der viel Verantwortung übernimmt und bei Bedarf immer da ist. Dass es für ihn kaum etwas anderes gibt, als seinen Sohn, war für die Beziehung zwischen uns der Knackpunkt, die aktuelle Situation wird dadurch aber wesentlich erleichtert.

(Wie) unterstützt er euch?
Er übernimmt 50% der Betreuungszeit, große Teile der Kiga-Ferien (>50%) und die allermeisten Kosten für meinen Sohn, weil er wesentlich mehr verdient.  

Wer unterstützt euch?
Konkrete Unterstützung erlebe ich nur durch den Vater und den Kindergarten. Ansonsten erlebe ich aber auch Freunde mit Kindern entlastend, mit denen man Playdates veranstalten kann, bei denen die Kinder und die Erwachsenen sich jeweils untereinander beschäftigen können. Die Freunde ohne Kinder sind vor allem dafür gut, mein individuelles „Ich“ ohne Kind pflegen und ausleben zu können. (Über mich und meine eigene Person zu sprechen, ohne die ganze Zeit das Thema Kind im Nebensatz unterzubringen, muss ich bei Freunden mit Kindern noch üben. Andersherum wage ich oft kaum, meine kinderlosen Freunde mit dem Thema Kind zu behelligen. Das verstärkt die Trennung zwischen Leben mit und Leben ohne Kind noch.) Meine Schwestern (mit insgesamt 3 Kindern) leben in einer anderen Stadt, so dass sich der Kontakt eher sporadisch, dafür dann aber tragfähig und unterstützend gestaltet. Mein Partner hat mit meinem Leben mit Kind (noch) nicht viel zu tun, ist aber da und stärkt mir den Rücken.

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Ich bekomme bis April noch Trennungsunterhalt, danach arbeite ich mehr und kann mich gerade so selbst halten. Ich mache eine kostenpflichtige Weiterbildung, die mir Zeit zum Arbeiten und Geld nimmt – bisher plane ich aber, sie nach Zeitplan weiter durchzuziehen. Die letzten 1,5 Jahre seit der Trennung waren eine Zeit der schrittweisen finanziellen Loslösung, der Unterhalt wurde in Absprache quasi ausgeschlichen. Mein Ex war da sehr kooperativ und ich motiviert, auf eigenen Füßen zu stehen. So ist das insgesamt für alle einigermaßen erträglich gelaufen.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
Wenn mein Sohn bei mir ist, beginnt der Tag meist mit Sohns früher Fitness. In der Winterzeit steht er i.d.R. zwischen 4 und 5 auf, in der Sommerzeit eine Stunde später. Er spielt dann, bis mein Wecker klingelt und ich kann oft tatsächlich nochmal schlafen. Er geht allein aufs Klo, spielt Lego und macht sich bei Bedarf über die Obstschüssel oder Salzstangen her. Da habe ich keinen Ehrgeiz mehr, sofort mit einem „richtigen“ Frühstück neben ihm zu stehen. Um 6 klingelt mein Wecker, was gleich mit „Du hast genug geschlafen! Wir müssen frühstücken!“ kommentiert wird. Sohn isst dann z.B. Müsli, was schon mal 45 Minuten dauern kann. Ich dusche und mache mich fertig. Dann ist er dran, er braucht noch viel Unterstützung beim Anziehen und beim bei-der-Sache-bleiben, wenn wir den Tag nicht mit einem Wutanfall auf beiden Seiten beginnen wollen. Ich bringe ihn in den 10 Minuten entfernten Kindergarten, was meist sehr unkomliziert ist. Ich kläre ihn ein letztes Mal darüber auf, wer ihn abholt und ggf. wann wir uns wieder sehen. Wenn er nachmittags bei mir ist, muss ich ihn um 14:00 abholen. Zur Zeit steht erst Mal Klamotten wechseln an, weil er es mit den Matschklamotten zu umständlich findet, auf die Toilette zu gehen, wenn er muss… Dann gehen wir Einkaufen und fahren nach Hause oder wir gehen zum Bouldern, da ist er seit ein paar Wochen in der Kindergruppe, so dass ich auch öfter dazu komme. Ich bemühe mich, ihn danach wach nach Hause zu bekommen, damit er wenigstens bis 7 durchhält. Wenn wir zu Hause bleiben, kann es recht entspannt sein, wenn er viel Lego spielt und wir inselweise Geschichten lesen oder uns über Lego unterhalten. Dann arbeite oder putze ich zwischendrin. Manchmal bin ich aber auch so müde, dass ich die Minuten bis zum Feierabend zähle.

Es gibt Abendbrot – da Sohn im Kiga warm isst, habe ich keinen großen Anspruch an das Abendessen. Noch eine Runde Lego und dann mache ich ihn bettfertig. Er geht gerne ins Bett und braucht meist nur wenige Minuten zum Einschlafen. Danach habe ich noch 2 bis 3 Stunden für mich, die ich mit Serien oder Telefonieren verbringe. Die Abende, an denen er bei mir ist, empfinde ich als recht einsam.

Er schläft 4x/Woche bei mir, ab Mai 3x/Woche. An den anderen Abenden bin ich unterwegs oder mit meinem Freund zusammen.

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Was ist schwer?
Die Wutanfälle, die episodenweise täglich auftreten. Ich kann mich dann schlecht abgrenzen und schreie oft irgendwann mit. Ansonsten ist der sehr durchgetaktete Alltag anstrengend. Die Alternative, mehr zu Hause zu sitzen, ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei, weil ich dann so wenig Input bekomme. Ich fühle mich wie gesagt eh relativ einsam, da kommt es nicht in Frage, an den kinderfreien Tagen zur Erholung mehr allein zu bleiben.

Was ist leicht?
Die gute Zusammenarbeit mit dem Vater ermöglicht es mir, ein relativ ausgefülltes eigenes Leben zu haben.

Was/Wer* empowert dich?
Abende mit Freunden oder Partner, die leichten Nachmittage mit Kind, wo ich die Gemeinsamkeit ohne Zeitdruck genießen kann, Gespräche mit anderen, in denen ich ich sein kann.

Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
Ich habe das Glück, bei einem sehr familienfreundlichen Arbeitgeber gelandet zu sein und die Elternschaft ist fair aufgeteilt. Ich spüre die Diskriminierung von Müttern deswegen kaum am eigenen Leib. In Gesprächen merke ich aber immer wieder, wie viel Wiederstand in einigen Köpfen gegenüber echter Gleichberechtigung besteht. Gleichzeitig sind die Frauen, wenn sie die klassische Rolle einnehmen, oft auf einem einsamen Posten mit viel Verantwortung, wenig Anbindung und wenig Anerkennung. Ich denke, dass mehr getan werden sollte, die Unterschiede zwischen einem Leben mit und ohne Kind aufzuweichen – in Hinblick auf Karriere und Privatleben.

Was fehlt?
Ein Netzwerk, in dem man sich gegenseitig in der Kinderbetreuung unterstützen kann.

Was wünscht du dir von deiner Umwelt?
Ich wünsche mir insbesondere von kinderlosen Freunden, dass sie nicht erwarten, dass Treffen mit ihnen nur in meiner kinderfreien Zeit stattfinden, sondern dass mein Sohn halt mit dazu gehört.

Was wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Das versuche ich noch herauszufinden. Vielleicht eine Alleinerziehenden-WG. Da bewegt sich noch viel, in der Suche nach dem weiteren Weg.

Findest du Support im Feminismus?
Nein, leider erlebe ich den Feminismus eher als erhobenen Zeigefinger, der mir sagt, wie ich etwas zu tun habe, um die tradierten Rollenbilder nicht zu füttern. Gleichzeitig frustriert es mich sehr, mich immer wieder mit gesellschaftlichen Missständen zu konfrontieren, gegen die ich direkt nichts tun kann. Also versuche ich für mich – im Kleinen – die Ideale zu leben, die ich habe.

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#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbilder © Anna

 

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