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Stell dich bitte kurz vor:
Elisabeth, 37 Jahre, vollzeiterwerbstätig, Akademikerin, meine Tochter ist 4 Jahre alt.

Ich bin eine single mother by choice, also gezielt alleinerziehend. Vor einigen Jahren hatte ich einen starken Kinderwunsch über eine lange Zeit, konnte aber keinen Mann finden, der mitmacht. Deswegen bin ich dann allein schwanger geworden (mit Hilfe eines anonymen Samenspenders in einer Fruchtbarkeitsklinik in Dänemark – relativ kostspielig).

 Wie lange bist du schon Mutter*?
4 Jahre

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft?
Familie sind in erster Linie Verwandte für mich. Elternschaft finde ich leichter, als gedacht. Es ist ein Verantwortlich- und Zuständigsein. Ganz viel Liebe, Fürsorge und vor allem Angst und Sich-Sorgen. Seit ich Mutter bin, bin ich viel verletzlicher, mitfühlender und empfindlicher, zum Beispiel hinsichtlich Gewalt.

Wieviel Vater ist in eurem Leben?
Zum Glück gar nichts, denn so gibt es keinen Streit. Bei vielen getrennten Eltern erlebe ich krasse Konflikte über die Kinder/Erziehung/Finanzierung. Das bleibt mir völlig erspart. Ich empfinde es als großen Luxus, immer alles allein entscheiden zu können und mich nie absprechen zu müssen – außer mit meiner Tochter.

Wer unterstützt euch?
Meine Eltern, die meine Tochter mehrmals im Jahr für mehrere Tage oder ein, zwei Wochen nehmen und sogar mit ihr in den Urlaub fahren. Das ist sehr bequem und hat mir wirklich geholfen, die anstrengenden ersten Jahre durchzustehen. Damals brauchte ich viel Zeit für mich ohne meine Tochter und meine Eltern sind auch kurzfristig eingesprungen. Leider wohnen sie recht weit weg.

Ich achte sehr darauf, dass meine Tochter enge Bindungen zu anderen Menschen hat. Sie liebt ihre Großeltern und auch enge Freundinnen und Freunde von mir, die auch Zeit mir ihr verbringen – ohne mich.

Außerdem habe ich eine Kinderfrau, die ich bezahle und die meine Tochter ungefähr einmal pro Woche früher aus dem Kindergarten abholt und mit ihr in die Musikschule geht. Sie passt auch auf, wenn ich abends mal ausgehen möchte oder irgendwelche Termine habe.

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Zum Glück nicht schlecht, weil ich eine gut bezahlte Stelle habe und Vollzeit arbeite. Ich weiß, dass ich damit als Alleinerziehende sehr privilegiert bin.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
Schlafen und Kuscheln bis 7:30 Uhr, dann Frühstück und Morgenroutine. Aus dem Haus zwischen 8 und 8:30 Uhr, so dass meine Tochter vor 9 Uhr im Kindergarten ist. Dann fahre ich zur Arbeit und hole das Kind gegen 17 Uhr wieder ab, dann einkaufen oder Sachen erledigen, 18:30 Abendessen, Abendroutine und 8 Uhr liegt sie im Bett. Ich gehe dann vor Mitternacht ins Bett, habe also auf Arbeit und abends noch Zeit für mich allein. Mindestens einmal pro Woche arbeite ich länger, um auf die volle Stundenzahl zu kommen. An diesen Tagen wird meine Tochter dann von meiner Kinderfrau abgeholt. Zum Glück muss ich nur am Wochenende kochen, und dann beläuft sich das auch oft auf einfache Gerichte wie Pasta oder Eierkuchen. Putzen wird immer schnell nebenbei erledigt – es wird auch nicht sehr schmutzig bei uns bzw. ich habe da auch eine hohe Drecktoleranz. Entspannt eine Serie zu gucken ist mir wichtiger als Fensterputzen.

Was ist schwer?
Nie krank sein zu können, denn dann müsste ich mich trotzdem aufraffen und in den Kindergarten fahren. Und ich ärgere mich, wenn ich in der Beziehung zu meiner Tochter mit meinen Mustern konfrontiert werde, z.B. herrisch zu sein oder aufbrausend.

Ich habe im Alltag relativ wenig Zeit, um Männer kennen zu lernen – manchmal fühle ich mich sehr einsam. Seit meine Tochter ein bisschen größer ist, machen wir aber auch im Alltag spontan schöne Dinge wie mal Pizza essen oder so, anstatt immer derselben Routine zu folgen. Aber flirten ist mit Kind schwieriger, finde ich. Ich glaube, dass Männer dann davon ausgehen, dass es einen Vater gibt, der mein Partner ist. Ich habe auch keine Lust, immer sofort allen auf die Nase zu binden, dass ich alleinerziehend bin.

Schwer ist es auch, mich immer gehetzt zu fühlen, weil die Zeit nicht reicht. Manchmal genügt meine Arbeit dann nicht meinen Ansprüchen. Ich versuche immer, viel zu reflektieren und mich bewusst zu fragen, wie es mir geht und was mir fehlt oder gut tut. Damit ich eben nicht in so ein Hamsterrad gerate. Leider lasse ich meine Genervtheit am Zeitmangel oft an meiner Tochter aus. Andererseits lernt sie dann gleich, dass Mama auch menschlich ist und mal fälschlicherweise rummotzt.

Was ist leicht?
Ich habe ein ganz wunderbares Kind, das sehr fröhlich und offen ist. Meine Tochter hat gelernt, dass ich auch Bedürfnisse habe, die respektiert werden müssen. Ich bespreche viel mit ihr und lasse sie (in einem sinnvollen Rahmen) viel mit entscheiden. Deswegen ist meine Tochter ziemlich selbständig, selbstbewusst und verständig.

Nach wie vor finde ich es sehr schön und erleichternd, alles allein entscheiden und machen zu können. Dass niemand reinquatscht und nichts abgestimmt werden muss, macht vieles leichter, das genieße ich. Ich bin ja allein verantwortlich für meine Situation als Alleinerziehende, das spart mir den Frust und die Auseinandersetzung mit anderen, denen ich vielleicht die Schuld für schwierige Situationen zuschieben würde.

Interessanterweise wird es leichter mit der Zeit, sich gegen gesellschaftliche Mutter- und Kümmererbilder zu stellen. Im Kindergarten fangen einige andere Mütter jetzt schon damit an, Schulen auszusuchen. Es gehört offenbar zur Sorgearbeit dazu, sich darüber frühzeitig Gedanken zu machen. Meine Tochter soll einfach in die nahegelegene Einzugsschule gehen. Ich mache mir da keinen Stress. Das sorgt bei manchen schon für Befremden. Je mehr meine Tochter „beweist“, dass sie ein tolles Mädchen geworden ist, ohne dass ich mir zu viele Gedanken mache, desto leichter fällt es mir, nicht so viel über die Meinung Anderer nachzudenken.

Ich habe meiner Tochter immer schon Sachen „zugemutet“, die in den Augen vieler anderer Eltern als nicht altersgerecht gelten. Dieses Jahr fahre ich mit ihr für vier Wochen als Rucksackreisende nach Asien. Ich glaube, dass man die eigenen Ängste nicht zu sehr auf die Kinder projizieren sollte. Die meisten Kinder kommen in ungewohnten Situationen sehr gut klar, wenn die Eltern/Mütter selbst mit Spaß dabei sind. Diese zunehmende Befreiung von gesellschaftlichen Bildern darüber, was richtig und angemessen ist, tut mir gut.

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Was/Wer* empowert dich?
Die Reaktionen meiner Umwelt, also wenn zum Beispiel Freundinnen mir sagen, wie sehr sie mich bewundern. Dann halte ich inne und denke mir: Ja, stimmt. Was ich hier allein mache ist wirklich toll.

Alleinerziehende werden ja oft als Opfer dargestellt. Aber viele Frauen (und ganz, ganz wenige Männer) sind ja auch alleinerziehend, weil sie das andere Elternteil in die Wüste geschickt haben. Das ist meiner Ansicht nach auch eine Form von Empowerment. Wenn ich irgendwo erzähle, dass ich alleinerziehend bin, dann kriege ich immer wieder Sprüche zu hören wie „Ach Du Ärmste, ist er Dir weggerannt?“. Dabei bin ich genau das Gegenteil eines Opfers, weil ich mich ja für das Alleinerziehen entschieden habe. Klar sind Alleinerziehende in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Aber deswegen müssen sie nicht noch mit diesem gesellschaftlichen Opferdiskurs behelligt werden.

Ich versuche auch, andere Eltern, besonders Mütter, zu loben und zu bestärken. Leider ist Anerkennung für Mütter gesellschaftlich kaum vorgesehen – Kritik dagegen viel zu sehr.

Als bestärkend empfinde ich es auch, wenn ich Spaß habe. Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es empowert mich auch, wenn ich allein bin und glücklich damit. Ich bin nicht nur Mutter, sondern auch Elisabeth.

Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
Natürlich nicht: Es gibt eine klare Bevorzugung von Eheleuten, egal ob mit oder ohne Kinder, zum Beispiel im Familien- oder Steuerrecht. Ein-Eltern-Familien sind weit unten auf der Skala rechtlicher Regelungen, staatlicher Leistungen und gesellschaftlicher Wertschätzung.

Was fehlt?
Solide Finanzausstattung von Ein-Eltern-Familien, egalitäres Geschlechterbild inklusive Gleichwertigkeit in Recht, gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe.

Was wünschst du dir von deiner Umwelt?
Mehr Rücksicht, also zum Beispiel keine Meetings, die 16 Uhr beginnen. Mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit im Alltag, von abgesenkten Bordsteinen bis vergünstigte Eintrittspreise.

Was wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Meins – mit einem Partner für mich (aber nicht als Vaterersatz).

Findest du Support im Feminismus?
Ja, sehr stark. Es ist mir wichtig, dass feministische Gedanken und Aktionen dem Malestream immer wieder etwas entgegensetzen. Das baut mich auf. Mein Lebensmodell als single mother by choice ist nur deswegen für mich möglich, weil ich Feministin bin.

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#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbilder © Elisabeth

 

 

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