Ich bin heute 57 und wurde 1984 zum ersten Mal Mutter. Als ich schon wusste, dass ich mich scheiden lassen muss, um zu überleben, habe ich noch ein zweites Kind bekommen (1986), damit meine Tochter kein Einzelkind wird. Das war eine gute und richtige Entscheidung.

Im Gegensatz zu meinem damaligen Mann bedeutet mir Elternschaft Teilnahme an der Entwicklung eines Menschleins:

Feststellen was so da ist, helfen und lenken, nicht verbiegen, unterstützen und LIEBEN. Ich hatte selbst keine sehr erfreuliche Kindheit und wollte außerdem mit meinen Kindern zusammen noch einmal selbst Kind sein – das hat funktioniert, aber es war natürlich nicht immer so romantisch, wie es sich jetzt anhört.

Ulrich Joho: DDR. Warten. Berlin 1985

Kurz zum Umfeld: In der DDR gab es zwar, auch immer stark politisch geprägt, die Frauenrechte und die Gleichberechtigung. Zumindest auf dem Papier. Bezahlung, Bildungsmöglichkeiten usw. waren tatsächlich weitgehend gleichberechtigt, im gesellschaftlichen Leben war es jedoch für eine alleinerziehende Mutter ebenso schwierig wie heute, als solche anerkannt zu werden, obwohl es in der DDR damals viel mehr gab als in den alten Bundesländern.

Aber dieses Thema führt hier zu weit.

Familie bedeutet für mich bis heute eine Gemeinschaft, in der alle auch gleichberechtigt sind. Die Interessen meiner Kinder waren mir immer wichtig. Beispielsweise hätte ich nie mit einem Mann zusammen leben können, der sie nicht auch liebt und akzeptiert.

Deswegen habe ich dann auch weiterhin allein gelebt, weil sich ein solcher nicht gefunden hat.
Ich habe es ein paarmal wieder versucht, aber es hat nicht funktioniert wie ich es mir vorgestellt habe.

Ich habe immer Vollzeit gearbeitet als Bauingenieur, bis heute.
In einer Gesprächstherapie wegen persönlicher Schwierigkeiten, hat der Psychologe mir diese Sicht eröffnet, dass wir zu Dritt sehr wohl eine Familie sind und ich stolz darauf sein soll, dass es so gut läuft.
Das war ein schöner Tag… Seitdem habe ich nicht mehr gesucht und wir haben eigentlich niemanden vermisst.

Es wäre sicher auch schwierig gewesen für einen Mann, wir waren eine gute Gemeinschaft. Und die Kinder waren auch nicht einfach, Tochter hochbegabt und mein Sohn nicht weniger begabt, aber hyperaktiv.

In Leben meiner Kinder war kein Vater. Nachdem sich herausgestellt hat, dass ich es mit der Scheidung ernst meine und die Kinder als Werkzeug im Ehekrieg versagt haben (meine Tochter war vier und mein Sohn zwei Jahre alt), ist das Interesse völlig verloren gegangen.

Er hat sich in all den Jahren nur wenige Male gemeldet, wenn er keinen Unterhalt mehr zahlen wollte. Er dachte dann, er könnte den Kontakt erzwingen. Das war natürlich nicht so und die Kinder waren damals schon alt genug um selbst zu entscheiden. Sie hatten jedoch kein Interesse, weil sie ihn nicht kannten.

Unterstützung hatten wir nicht. Meine Eltern waren beispielsweise der Meinung, dass ich selbst meine Lage verschuldet habe – Lehrer eben.

Das Geld hat gerade immer so gereicht, Dank meines Berufes. Als meine Tochter studiert hat wurde es echt knapp, wir haben zwar BAföG bekommen, aber das war wenig und dann kamen die Studiengebühren, zum Glück nur für zwei Semester.
Beide Kinder haben während ihrer Ausbildung zusätzlich arbeiten müssen.

Mein Alltag sah so aus, dass ich immer alle Arbeit in der Woche erledigt habe, damit ich am Wochenende Zeit habe.

Wir hatten kein Fernsehen, wir haben viel erzählt und es waren oft andere Kinder da, die das schön fanden.

Schwer war die Zeit der Pubertät von meiner Tochter. Da hätte ich gern einen Partner gehabt, der mir immer mal sagt, dass er mich liebt.

Es war auch schwer, als die beiden dann von zu Hause weggegangen sind. Ich habe sie zu selbständig denkenden Menschen erzogen, also war das abzusehen.

Ich bin in ein schwarzes Loch gefallen. Beide hat es nach Hessen verschlagen und ich bin dann auch hergezogen. Wir sehen uns nicht häufig, aber es geht mir gut, weil sie in der Nähe sind. Das genügt mir.

Ich denke nicht, dass genug für alleinerziehende Mütter getan wird. Von Rücksichtnahme und notwendigen Sonderregelungen und finanzieller Unterstützung mal abgesehen fehlt vor allem die Anerkennung der Leistung und der Entscheidung über das eigene Leben.

Ich finde es furchtbar, dass Frauen bei einem ungeliebten Mann bleiben müssen oder in Kauf nehmen misshandelt oder fertig gemacht zu werden, damit die Kinder eine ordentliche Ausbildung bekommen können.
Ich finde aber auch unerträglich, wenn Frauen das tun, damit das Kind weiter Reiten gehen kann und weiterhin zweimal im Jahr auf Hawaii Urlaub machen kann. Ich will damit sagen, dass Freiheit auch ihren Preis hat.

Das beste Familienkonzept ist das, in dem jeder anerkannt wird und sich entfalten kann. Das hängt von den einzelnen Menschen ab und daher würde ich keine Festlegung treffen.

Feminismus gab es in dieser Form nicht in der DDR und ich kann damit wenig anfangen. Er interessiert mich auch nicht weiter, weil ich denke, eine Verbesserung ist nur mit allen Beteiligten, also auch mit den Männern, möglich.

Wenn ich meine Kinder heute sehe, beide mit Partnern und eines mit Kind, habe ich offenbar nicht so viel falsch gemacht.

Unsere Familienform hat ihnen in keiner Weise geschadet.

Ich selbst lebe inzwischen, nach vielen Jahren allein, auch wieder mit einem Mann zusammen und es funktioniert.

_____________________

#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbild (CC BY-SA 2.0) Ulrich Joho via flickr

Share: