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Stell dich bitte kurz vor:
Ich bin Elena, gerade 32 geworden, und ziehe bald für einen neuen Job vom Land in die Stadt. Bislang habe ich in Vollzeit promoviert, die Doktorarbeit werde ich nun neben einer 30 Std. Stelle als Referentin fertig schreiben.

Wie lange bist du schon Mutter*?
Seit vier Jahren. Gleich zweifach :-). Mit meinen Zwillingsmädchen bin ich von Beginn an zu dritt.

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft?
Was Familie ist finde ich eine wichtige Frage, weil der Begriff meist zu eng definiert wird. Für mich ist Familie da, wo Familienleben stattfindet. Da, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und verbindlich füreinander da sind. Familiäre Beziehungen definieren sich für mich über diese besondere Qualität, nicht unbedingt durch Verwandtschaft oder Quantität. Obwohl ich viele Verwandte habe, mit denen ich in dieser besonderen Weise in Beziehung stehe, gibt es auch einige Menschen, die ich zur Familie zähle, ohne dass ich mit ihnen verwandt bin.

Elternschaft ist für mich vor allem eine Chance für persönliches Wachstum in Beziehung zu den Kindern. Ich glaube vor einer größeren (und wundervolleren) Herausforderung habe ich bisher in meinem Leben nicht gestanden. Verantwortung für zwei Menschen zu tragen, und sie ins Leben zu begleiten lehrt mich sehr viel über mich selbst, meine Stärken, Schwächen und Grenzen. Seit ich Kinder habe, werde ich mir immer klarer darüber was ich will und was mir wichtig ist, und kann dafür auch immer besser einstehen.

Wieviel Vater ist in euerm Leben? (Wie) unterstützt er euch?
Der Vater der Beiden ist in unserem Leben nicht präsent. Wir bekommen Mindestunterhalt (manchmal auch weniger).

Wer unterstützt euch?
Meine Familie.

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Die finanzielle Situation ist in Ordnung. Für große Sprünge, Sparverträge, oder eine vernünftige Altersvorsorge reicht es nicht, aber im Alltag müssen wir nicht zu sehr aufs Geld achten. Vielleicht auch eine Frage der Prioritäten. Ich mache lieber ab und an Ausflüge mit den Beiden, als für große Urlaube, oder die Rente zu sparen. Dass ich das so wählen kann empfinde ich manchmal fast schon als Luxus, wenn ich die schwierige finanzielle Lage der vielen Alleinerziehenden bedenke, bei denen es überhaupt keinen Spielraum gibt. Gerade überbrücke ich ein paar Monate zwischen zwei Arbeitsverträgen mit ALG1. Da sieht die Sache schon anders aus. Ich bin sehr froh, dass da ein Ende abzusehen ist.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
Eigentlich finde ich, dass „Alltag“ seit ich die Kinder habe kaum stattfindet. Zumindest nicht in so einem ruhigen beschaulichen Sinne. Dafür passieren viel zu oft unvorhergesehene Dinge. Oft ist es so, dass zwischen Arbeit und Kindern kein Platz ist für mich. Oder so, dass es entweder an Zeit für Arbeit oder an Zeit für die Kinder fehlt, so dass Zeit für mich gar nicht mehr zur Debatte steht. Wenn solche Phasen lange anhalten ist das sehr zermürbend, ich versuche also mir kleine Inseln zu schaffen, soweit das geht, mache morgens 10-15 Minuten Yoga während die Kinder sich daneben für den Kindergarten anziehen oder spielen (manchmal kostet mich das Überwindung, es tut aber immer gut), oder lasse sie ein bis zweimal im Monat bei den Großeltern schlafen, so dass ich mich mal alleine mit Freund*innen treffen, oder auch einfach mal länger schlafen kann (auch das kostet mich manchmal Überwindung, tut aber immer gut).

Was ist schwer?
Die Auseinandersetzung mit schweren Themen, die meines Erachtens von außen schwerer gemacht werden als sie sein müssten. Die finanzielle Vorsorge (für die Kinder / für mich) ist so ein Thema. Die Abwesenheit des Vaters und wie ich meine Kinder in ihrer Trauer und Wut darum gut begleiten kann ist ein anderes.

Mir Zeit nur für mich zu nehmen und die auch immer zu genießen. Das lerne ich aber gerade.

Was ist leicht?
Mit meinen Kindern im Moment zu leben. Kinder können das gut und sind da sehr mitreißend 🙂

Was/Wer* empowert dich?

Vor allem Gemeinschaft mit anderen Müttern*. Die findet für mich online und offline statt, und beides gibt mir viel Kraft. Einfach gemeinsam Zeit mit den Kindern zu verbringen, so dass alle gemeinsam nach allen schauen, aber jede auch mal durchatmen kann. Zu wissen dass ich mit meiner Situation und den Schwierigkeiten, die daraus resultieren nicht alleine bin, mich darüber mit anderen auszutauschen, und dann auch gemeinsam auf Missstände hinzuweisen und Veränderung anzustoßen. Aktuell machen wir das zum Beispiel in einer Arbeitsgruppe des VAMV NRW e.V. zum Thema „Familienbilder“, die ich gemeinsam mit anderen Alleinerziehenden gegründet habe. Unsere Image-Kampagne für Alleinerziehende #alleinerziehendheisst (zu finden über http://alleinerziehendheisst.de) ist gerade angelaufen.

Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
Überhaupt nicht. Vor allem nicht für Alleinerziehende Mütter. Ich denke die Krux liegt da, wo die Aufgaben die Mütter* zu bewältigen haben keine, oder nicht genug, Wertschätzung (auch finanzieller Art) erfahren. Da muss es ein Umdenken geben. Kinder verantwortlich ins Leben zu begleiten ist eine große Aufgabe, die mit viel Arbeit einhergeht. Das fängt bei der Sicherung des Lebensunterhalts für die Familie an, geht über Tätigkeiten im Haushalt, und hört selbst bei der Freizeitgestaltung mit den Kindern nicht auf. Das sind im Großen und Ganzen alles Dinge, die ich gerne tue, in denen ich aber durch die strukturelle Benachteiligung von Frauen* und insbesondere Müttern* und insbesondere alleinerziehenden Müttern* die in unserer Gesellschaft vorherrscht behindert werde. Meines Erachtens geht es dabei nicht darum, Mütter* besser zu stellen. Es ist eine Frage der Gleichstellung.

Was fehlt?
Was ich mir von Politik und Gesellschaft erhoffe, ist dass sie Rahmenbedingungen schafft, die Müttern* echte Wahlmöglichkeiten eröffnet. Drei Jahre zu Hause beim Kind bleiben, oder nicht… Teilzeit, oder Vollzeit arbeiten… Egal welchen Weg eine Mutter* aus ihrer persönlichen Situation mit Kind(ern) heraus für die beste erachtet, alle Optionen sollten als legitim anerkannt, und auch finanziell gangbar gemacht werden. Wenn die Arbeit, die eine Mutter zu Hause für die Gemeinschaft leistet, indem sie Kinder großzieht, als wertvoll anerkannt und gefördert würde, und die Arbeit, die Kinderbetreuungseinrichtungen leisten, während Mütter arbeiten, ebenso wertgeschätzt, gefördert und angemessen entlohnt würde, dann wäre das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Liste konkreter politischer Forderungen, die sich daraus ableiten lässt ist lang…

Was wünschst du dir von deiner Umwelt?
Für mich ist die Frage nicht so sehr was meine Umwelt für mich tun kann, sondern eher, wie man so in Gemeinschaft zusammen leben könnte, dass das alle bereichert. Ich wünsche mir also von und für meine Umwelt vor allem mehr Sinn für Gemeinschaft, den Willen sich darin einzubringen, und die Erkenntnis und das Erleben, dass das ein Gewinn ist. Konkret gefällt mir zum Beispiel die Idee gemeinsam mit anderen Familien* unter einem Dach zu leben, und sich so gegenseitig zu unterstützen. Oder eben in anderer Form ein gutes Netzwerk zu aufzubauen, so dass das Leben mit den eigenen Kindern nicht in Isolation stattfindet. (Siehe Empowerment ;-)). 

Was wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Ich finde alles so wie es bei uns gerade ist schon richtig gut. 🙂

Ein „ideales“ Familienbild habe ich nicht, ich denke Familie kann auf viele Arten toll sein. Für mich ist es sehr wichtig meinen Kindern zu vermitteln, dass eine Einelternfamilie kein „Mangel-Modell“, sondern eine vieler guter Weisen ist, Familie zu leben. Ich finde das geht am besten indem ich ihnen die volle Palette möglicher Familienkonzepte sichtbar mache. Ich achte zum Beispiel sehr darauf, dass so viele Familienmodelle wie möglich repräsentiert sind, in unserem Kinderbücherregal.

Findest du Support im Feminismus?
Absolut. Obwohl Feminismus auch vorm Muttersein schon in meiner Arbeit Thema war, hat er sich mir auf der persönlichen Ebene mit dem Mutterwerden erst so richtig erschlossen. Während ich mir in meinem Mädchen-, bzw. später Frau-sein nie sonderlich eingeschränkt vorkam, von irgendwelchen Rollenbildern, haben mir die Vorstellungen davon was eine „gute“ Mutter zu sein und zu tun hat von Beginn an viel Unbehagen bereitet. Das fing schon in der Schwangerschaft an und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Zu Beginn habe ich das viel zu sehr an mich rangelassen, und manchmal mit mir gehadert (Bin ich nun gut als „Mutter“?). Inzwischen habe ich mir aber eine feministische Brille zugelegt, durch die ich alles was in unserer Gesellschaft übers Muttersein an Vorstellungen kursiert ganz anders sehen kann. So bin ich viel gelassener und entspannter als Mutter. Gleichzeitig bin ich aber auch viel politischer geworden. Ich finde Mutter-, bzw. Elternschaft ist eine zutiefst feministische Angelegenheit. Es muss noch viel passieren, damit Frauen* ihr Muttersein frei von gesellschaftlichen Zwängen und Diskriminierungen authentisch leben können. Das wäre auch ein Gewinn für ihre Kinder.

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#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbild © Elena

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