Stell dich bitte kurz vor:
Ich bin Katharina, 34 Jahre alt, voll berufstätig und Mutter einer fast 4-jährigen Tochter. Seit etwa 9 Monaten leben meine Tochter und ich im Ausland, wo ich nach längerer Arbeitslosigkeit einen Job gefunden habe. Die Arbeit und die damit einhergehenden sozialen Kontakte machen mir viel Spaß. Ich habe aber auch häufig Schuldgefühle, nicht genug für meine Tochter da zu sein.

Wie lange bist du schon Mutter*? Seit April 2012.

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elternschaft?
Familie ist für mich das engste Sicherheitsnetz, das es gibt. Menschen, die füreinander da sind, ohne an Konsequenzen zu denken oder nach ihrem eigenen Nutzen zu fragen. Dazu können auch Menschen zählen, zu denen keine Verwandtschaftsbeziehungen bestehen.

Wieviel Vater ist in eurem Leben?
Sehr wenig und seitdem wir im Ausland leben fast gar nicht mehr. Mir hat die räumliche Trennung sehr geholfen mit der schon lange beendeten Beziehung wirklich abzuschließen. Für meine Tochter ist es schwer: ich habe sie immer aus den Streitigkeiten rausgehalten und bewusst nie schlecht über ihren Vater gesprochen. Sie vermisst ihn; mal mehr, mal weniger. Er hat uns bislang einmal an unserem neuen Wohnort besucht. Für mich war diese Zeit schlimm, weil er meine Grenzen nicht respektiert hat. Gleichzeitig wollte ich nicht, dass meine Tochter etwas mitbekommt. Das hat mich förmlich zerrissen und ich war froh, als wir wieder allein waren.

(Wie) unterstützt er euch?
Bislang haben wir vom Vater keine nennenswerte Unterstützung erhalten, auch nicht, als wir vorübergehend in einer Stadt lebten.

Wer unterstützt euch?
Meine Eltern waren und sind trotz eigener Berufstätigkeit und geringem Einkommen eine große Hilfe. Sie haben es mir ermöglicht, gelegentlich Kind-freie Zeit zu haben. Sie haben es meiner Tochter ermöglicht, Familienalltag zu erleben (sie sind wie zweite Eltern für sie). Sie haben uns finanziell unterstützt, als ich kein Geld hatte. Und mein Vater kommt nun schon das zweite Mal zu uns ins südliche Afrika, um während der langen Kita-Schließzeiten hier (3x/Jahr für 5-6 Wochen) bei der Betreuung meiner Tochter zu helfen und für sie die Zeit bis zum nächsten Deutschlandbesuch zu verkürzen. An unserem neuen Wohnort habe ich außerdem ein paar liebe Freunde gefunden, die selbst Kinder haben und bei denen meine Tochter gelegentlich übernachtet. Wir unternehmen auch viel zusammen, was mir das Gefühl gibt nicht so allein zu sein.

Zusätzlich bin ich hier in der Lage, eine Hausangestellte zu haben, die sich in der Kita-freien Zeit um meine Tochter und immer um den Haushalt kümmert. Eine echte Entlastung für mich.

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Lange war unsere Situation von meiner Existenzangst und Hartz IV geprägt. Direkt ab der Geburt meiner Tochter war ich 3 Jahre lang arbeitslos. Ich habe in dieser Zeit auf das meiste verzichtet, damit meine Tochter alles hat, was sie braucht. Viel schlimmer als wenig Geld zu haben, war jedoch das Gefühl der Perspektivlosigkeit (wer will schon eine alleinerziehende Frau einstellen…) und die Behandlung bei der Arbeitsagentur (sie müssen jeden Job annehmen).

Im Moment geht es uns finanziell sehr gut. Ich verdiene so viel, dass ich auch etwas zur Seite legen kann und wir schöne Dinge tun können. Allerdings ist da trotzdem permanent die Angst, dass das auch schnell wieder vorbei sein kann.

Beschreibe doch einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne Vater) bitte:
Meine Tochter wacht zwischen 5:00 und 5:30 Uhr auf. Dann mache ich ihr Milch warm und wir kuscheln noch eine Weile im Bett. 6:30 Uhr stehen wir auf, ziehen uns an und ich bereite unser Frühstück und unser Essen für Kita und Büro vor. Dann wird gefrühstückt. Gegen 7:45 Uhr verlassen wir das Haus. Ich bringe meine Tochter zur Kita und fahre ins Büro. Da die Wege glücklicherweise sehr kurz sind, bin ich kurz nach 8 Uhr bei der Arbeit. Ca. zweimal pro Woche nutze ich die Mittagspause um im nahe gelegenen Schwimmbad schwimmen zu gehen, damit ich wenigstens ein bisschen Bewegung habe. Ich arbeite bis ca. 16:30 oder 17 Uhr. Dann fahre ich schnell nach Hause. Meine Tochter wird 15:30 Uhr von unserer Haushaltshilfe abgeholt. Das geht prima, weil die Kita in Laufnähe ist. Wenn ich zu Hause ankomme, begrüße ich meine Tochter und dann fahren wir schnell die Haushaltshilfe ein Stück, damit sie es nicht mehr so weit bis zu ihrem zu Hause hat. Danach gehen wir oft noch einkaufen und sind gegen 17:30 bis 18:00 zu Hause. Dann wird Abendessen vorbereitet, gegessen und im Anschluss badet meine Tochter. Gegen 19:00 Uhr ist meine Tochter dann bettfertig und wir haben noch eine Stunde für uns zum quatschen, kuscheln usw. Um 20:00 Uhr bringe ich sie ins Bett, lese noch eine Geschichte und ab ca. 20:30 Uhr habe ich dann Zeit für mich. Da ich sehr früh geweckt werde, bin ich allerdings meist so müde, dass ich diese Zeit kaum nutzen kann, sondern nur auf meinem Bett liege und eigentlich nichts tue.

Was ist schwer?
Keine Auszeiten zu haben, kaum mal etwas nur für mich machen zu können und vor allem niemanden zu haben, mit dem ich reden kann und mit dem wir unser Leben teilen können. Ein Partner fehlt mir sehr und gelegentlich bin ich hoffnungslos in näherer Zukunft einen zu finden. Auch für alles allein verantwortlich zu sein, ist manchmal eine Belastung (manchmal allerdings auch von Vorteil). Und natürlich das permanente Gefühl nicht genug Zeit mit dem Kind zu verbringen.

Was ist leicht?
Es ist schön, dass meine Tochter ein so glückliches und aufgewecktes Kind ist. Das sie mir alles erzählt, was ihr durch den Kopf geht und gern mit mir kuschelt. Es ist auch toll, dass sie sehr offen ist und gern bei Freunden übernachtet. Das gibt mir von Zeit zu Zeit die Chance doch mal auszugehen. Ich genieße es außerdem sehr, jetzt so viel Geld zu verdienen, dass wir uns regelmäßig schöne Dinge leisten können: im Restaurant essen, wenn ich zu müde zum Kochen bin. Oder außer der Reihe etwas fürs Kind kaufen, weil es uns gefällt, Ausflüge machen usw. Auch die Haushaltshilfe bringt eine große Erleichterung. Ich muss mich bei der Arbeit weniger stressen und weiß mein Kind in guten Händen. Natürlich ist es auch schön, dass der Großteil der Hausarbeit erledigt ist, wenn ich nach Hause komme.

Was/Wer* empowert dich?
Kraft geben mir Gespräche mit Freunden und gelegentliche Unternehmungen ohne mein Kind. Das brauche ich, um die Batterie wieder aufzuladen. Es ist auch toll, dass ich immer wieder Frauen begegne, die älter sind und ähnliche Lebensrealitäten hatten/haben. Wenn ich sehe, dass es ihnen gut geht und sie ihr Leben im Griff haben – vielleicht auch noch mit 40, 50 oder später einen Partner gefunden haben – dann macht mir das Mut und setzt die Dinge in eine vernünftige Perspektive.

Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter* getan?
Auf keinen Fall! Ich wünsche mir mehr Anerkennung für unsere Leistung und mehr Verständnis für all die Sorgen, die uns umtreiben und für die permanenten Gewissenskonflikte. Ich wünsche mir weniger Druck perfekt zu sein und die Möglichkeit, einfach mal durchatmen und für sein Kind da sein zu können ohne an Geld, Rentenpunkte, Karriere etc. denken zu müssen.

Was fehlt?
Mir fehlen immer noch Verständnis und Unterstützung meines Umfelds, vor allem aber ausreichend Zeit für mich und mit meinem Kind. Immer muss ich abwägen und entweder bei ihren oder meinen Bedürfnissen Abstriche machen. Das macht mich sehr traurig. Auch ein Partner fehlt mir. Einer der versteht, dass meine Tochter immer absolute Priorität hat und mich nicht drängt, ihre Bedürfnisse hinten anzustellen.

Meiner Tochter fehlen dauerhaft präsente männliche Bezugspersonen und Geschwister. Das zu erleben bricht mir das Herz. Wie sehr hätte ich mir für sie (und natürlich auch für mich) eine intakte Familie gewünscht.

Was wünscht du dir von deiner Umwelt?
Ich wünsche mir mehr Verständnis für meine Situation. Ich habe so oft das Gefühl mich zu zerteilen und es wäre schön, wenn andere das sehen und mir stärker entgegen kommen würden. Ich wünsche mir außerdem mehr Verständnis dafür, dass ich manchmal schlecht drauf bin vor Erschöpfung und dann auch gelegentlich unfair zu anderen. Ich habe nie ein Problem mich zu entschuldigen. Die Entschuldigung sollte dann aber auch angenommen werden.

Was wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Ich träume immer noch von der „klassischen“ Familie. Am liebsten wäre mir, einen lieben alleinerziehenden Vater zu treffen, der Verständnis für meine Situation hat und mit dem auch ein zweites Kind in unser Leben käme. Meine Tochter wünscht sich so sehr ein Geschwisterkind und ich werde nicht jünger. Ein Mann mit Kind wäre die ideale Lösung.

Findest du Support im Feminismus?
Feminismus hilft dann, wenn er anerkennt, dass Frauen ganz verschiedene Lebensrealitäten haben. Feminismus ist gut, wenn es ihm darum geht, strukturelle Diskriminierung abzubauen, ohne „one-fits-all“ Lösungen zu propagieren und ohne andere –ismen zu bedienen (z.B. Anti-Islamismus oder Rassismus). Vor allem darf Feminismus nicht autonome Entscheidungen von Frauen verurteilen (z.B. die Entscheidung nicht mehr zu arbeiten nach der Geburt eines Kindes).

Platz für Wichtiges das ich vergessen habe:
Mein Dank an die Initiatorin für diese fantastische Reihe. Die unter #ohneVäter veröffentlichten Beiträge sind für mich – und sicher auch für andere (alleinerziehende) Mütter – absolut empowernd. Das ist auch der Grund, warum ich mich entschieden habe, selbst über meine Erfahrungen zu schreiben.
(Anm. d.R. : Danke <3) 

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#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

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