Ich bin eigentlich kein Fan von offenen Briefen und direkten Antworten auf Zeitungsartikel aber dieser Kommentar aus der TAZ zum Thema Alleinerziehende hat mich so wütend gemacht, dass ich mich jetzt doch am späten Abend noch hier wieder finde um meinem Ärger Luft zu machen.

Wie ich heute Nachmittag auf Twitter bereits schrieb, werden hier Betroffene gegeneinander ausgespielt. Dazu werden, unter dem Deckmantel der Solidarität mit Alleinerziehenden, alle Möglichen  (sexistischen) Klischees hervorgeholt: vom Wellness Wochenende der Mutter im Teilzeit Modell bis hin zur Teenagemom ohne Ausbildung ist alles dabei. Beiden geht es aber doch noch relativ gut, denn die wirklich Leidtragenden sind laut der Autorin vor Allem die alleinerziehenden Eltern, der arbeitende Mittelschicht (natürlich darf auch nicht die Geschichte des einen alleinerziehenden Vaters fehlen, er hat es schwer). Mir kommt die Galle hoch.

Frau Mertins suggeriert, dass nicht genug für alle da ist und deshalb aufgeteilt und unterteilt werden müsste. Das ist schlichtweg falsch. Es wird vom eigentlichen Problem abgelenkt in dem innerhalb der betroffenen Gruppe nach Schuldigen gesucht wird, die es nicht gibt. Natürlich ist es ein Problem, dass Alleinerziehende höher als zusammenlebende Eltern besteuert und finanziell nicht entlastet werden. Das wird aber nicht gelöst indem wir andere Betroffene ausschließen und das ist auch nicht das einzige Problem. Dass die Unterstützung nicht allen zukommt, die sie brauchen, liegt nicht an mangelnden Möglichkeiten sondern am mangelnden Willen von Politik und Gesellschaft. Natürlich könnte die Unterstützung allen zukommen. Es wird nur einfach nicht gemacht.

1,6 Millionen Haushalte sind beim besten Willen kein Extrem. Extrem sind die Zuschreibungen, die besonders alleinerziehenden Müttern immer noch aufgedrückt werden. Extrem ist es, dass Mütter* auch in Teilzeitmodellen noch einen Großteil der Sorge- und emotionalen Arbeit leisten. Während Väter die Spaßvögel sein dürfen, bewältigen die Frauen* den Alltag mit allen Stigmata und Verantwortungen und müssen sich dann auch noch für ihre Freizeit rechtfertigen. Freizeit, die sie übrigens in der Regel nutzen um liegengebliebene Arbeit zu erledigen.
Extrem sind auch die Auflagen und die Kontrollen des Jobcenters. Die von Frau Mertins erwähnten Angebote sind nämlich keine Wahl sondern oft Pflicht, die, wenn nicht genutzt, finanzielle Sanktionen zur Folge haben.
Extrem ist, dass viele berufstätige Alleinerziehende mit Hartz-4 aufstocken müssen.
Extrem ist es, dass Firmen unflexibel sind, dass sie eben keine Rücksicht nehmen auf Alleinerziehende, dass es zu wenig Teilzeitjobs gibt und dass diese Teilzeitjobs nicht ausreichend bezahlt werden.
Extrem ist, dass es immer noch nicht genug (kostenlose) Betreuungsangebote gibt für Familien, besonders nicht solche, die auch über die Standardzeit von 8-18 Uhr hinausgehen.
Extrem ist, dass dieser Kommentar all das ausblendet und stattdessen ein Horrorszenario von einem Extrem malt, das es so nicht gibt.

Was der Artikel, wie so viele andere außerdem ignoriert: dass es Alleinerziehende gibt, die sich bewusst für dieses Konzept entscheiden und_oder von Beginn an alleine sind, ohne dass es jemals eine Partnerschaft gab. Auch ihnen steht Unterstützung zu, sowie allen Familienkonzepten Unterstützung zusteht.

Denn: Nicht die Ein-Elter_n-Familien 0der die Teilzeitelter_n sind das Problem, sondern die Politik & Gesellschaft, die Zwei-Eltern-Familien als die Norm sehen, die sie schon lange nicht mehr sind… und falsche Solidarität, die Familien gegeneinander ausspielt. Wie die von Frau Mertins.

 

Share: