Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du wenn du nicht Mutter*/Elter bist?
Ich bin Geschäftsführerin eines Musiklabels und politische Bildungsreferentin. Außerdem spiele ich Strandvölkerball und fahre leidenschaftlich gern Skateboard.

Wie lange bist du schon Mutter*/Elter? Wer gehört zu eurer Familie?
Mein Kind ist jetzt 7 Jahre alt, so lange bin ich schon Mutter. Zu unserer Familie gehören verschiedene Leute. Da es nicht für alle Familienmitglieder herkömmliche „Verwandtschafts“-Bezeichnungen gibt, werde ich hier die Vornamen mit erstem Buchstaben nennen.

Da gibt es einmal den Patenonkel C., der sich einmal in der Woche um mein Kind kümmert. Dann gibt es T., der sich zusammen mit seinem Mann an einem anderen Wochentag verantwortlich fühlt. Dadurch, dass wir in einer WG leben, gibt es einen Mitbewohner, der ein Teil des Alltags ist. Und unser ehemaliger Mitbewohner, der 4 Jahre lang Teil unserer WG war und nun selbst Vater geworden ist, ist auch irgendwie immer noch ein wichtiger Teil in unserem Leben. Darüber hinaus gibt es die beste Freundin meines Kindes und ihre Familie, die mein Kind auf jeden Fall auch als Teil seiner Familie ansieht.
C. haben wir kennengelernt als mein Kind ein halbes Jahr alt war. Er war sehr hilfsbereit als ich nach der Trennung ganz allein war, mochte mein Kind von Anfang an sehr und hatte Lust uns zu unterstützen. Durch seine großzügige Hilfsbereitschaft und sein Interesse am Leben meines Kindes wurde er schnell ein Teil unseres Lebens. Sowohl bei C. als auch bei T. werden auch diverse Wochenenden verbracht, etwa 1 bis 2 Mal im Monat. Meistens ohne mich.
T. kennen wir seit etwa 3,5 Jahren. Er wollte gern regelmäßiger mit Kindern zu tun haben und wir lernten ihn über eine Freundin kennen. Eigentlich wollten T. und sein Mann gern eigene Kinder haben, dürfen aber nach geltendem Adoptionsrecht keine Kinder bekommen (so ein Mist! Die Beiden wären so tolle Eltern). Doch mein Kind sagt richtigerweise dazu: „Doch dann bekamen sie mich und jetzt haben sie ja ein Kind“. Für mein Kind gehören eben alle diese Menschen selbstverständlich zu seiner Familie dazu!

Was ist für dich Familie? Was ist für dich Elter(n)schaft?
„Familie“ habe ich ursprünglich immer sehr stark am traditionellen Bild von Familie orientiert. Meine Eltern sind bis heute zusammen und meine Schwester und ich verstehen uns sehr gut. Ich dachte bis zur Geburt meines Kindes immer, so sei „Familie“, Doch als ich schwanger wurde und sowohl der Vater meines Kindes als meine Eltern gesundheitsbedingt und meine Schwester aus anderen Gründen kaum Unterstützung waren, musste ich mir notgedrungen einen anderen „Familienzusammenhalt“ suchen und das bedeutet „Familie“ heute auch für mich:
Menschen, die sich für das Kind in eine langfristige Verantwortung begeben und auf die mensch sich immer verlassen kann, wenn es um die Betreuung und Erziehung des Kindes geht. Ich sehe mich zwar immer noch als alleinerziehend, da die Hauptverantwortung bei mir allein liegt, deshalb auch nach klassischem Familienbild vermutlich immer noch als „Ein-Eltern“-Familie, aber Familie ist für uns soviel mehr (siehe oben).

Wieviel (cis)Vater ist in eurem Leben?
(Wie) unterstützt er euch?
Natürlich gibt es offiziell auch den Vater meines Kindes, aber er lebt im Ausland und ist weder für unseren Alltag relevant noch fühlt er irgendeine Form von Verantwortung oder Fürsorge, zahlt keinen Unterhalt und meldet sich im Schnitt drei Mal im Jahr. Das ist alles sehr sehr, sehr frustrierend, zumal er in den wenigen Gesprächen immer von sich behauptet, alles zu geben. Wir besuchen ihn trotzdem ab und zu, weil ich möchte, dass mein Sohn weiß, wer sein Vater ist und für sich schon in frühen Jahren eine Vorstellung davon hat, wer dieser Mensch ist, dem er sich auch zugehörig fühlt. Dazu zählt dann leider auch die Enttäuschung, die damit einhergeht, dass er kaum vorhanden ist und auch bei Begegnungen nicht der Vater sein kann, den mein Kind sich wünscht. Aber ich habe mich nach Beratung mit Kinder- und Familientherapeut*innen dafür entschieden, lieber häppchenweise einen realen Eindruck des Vaters zu ermöglichen, um mein Kind nicht irgendwann als Teenager in eine riesige Enttäuschung rasseln zu lassen.

Wie sieht eure finanzielle Situation aus?
Ich bin finanziell komplett allein verantwortlich für mich und mein Kind. Das ist ziemlich hart, da ich auch nicht sehr viel Geld verdiene. Aktuell bekommen wir noch den Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt und hoffentlich nach der neuen Regeländerung auch nicht nur für die bisher angekündigten 72 Monate lang. Ansonsten ernähre ich uns beide mit meinem Einkommen. Da es bisher nur ein Kind ist, gibt es zwar die finanzielle Belastung, aber es sind doch noch weniger Kosten als bei mehreren Kindern. Wir haben zwar nicht viel Geld für Urlaub oder große Anschaffungen. Und an Altersvorsorge kann ich leider gar nicht denken – kein Geld dafür da. Aber es geht zur Zeit schon. Wie Alleinerziehende das allerdings mit zwei oder drei Kindern lösen können, finde ich immer wieder bewundernswert!

Beschreibe doch bitte einmal euren Alltag, einen ganz gewöhnlichen Wochentag z.B., (ohne cis Vater):
Seitdem mein Kind in der Schule ist, klingelt bei uns morgens um 6h der Wecker. Mein Kind hat einen eigenen Radiowecker und lässt sich von der Musik wecken. Manchmal schaut es sich im Bett schon ein Buch an, wenn ich dort hingehe; manchmal muss ich es trotz Radios noch aus dem Tiefschlaf holen, wenn ich mich um 6.15h aus dem Bett geschält habe. Dann duschen wir und ziehen uns an. Je nach Stimmung geht das schnell oder dauert auch mal ne dreiviertel Stunde. Dann gibt’s Frühstück, währenddessen packe ich noch meine Tasche. Wenn wir gut sind, stehen wir um 7.20h bei den Fahrrädern und können los. Meistens wird’s 7.30h, dann müssen wir uns schon beeilen, da wir um 7.50h in der Schule sein müssen. Wir fahren meist zusammen mit dem Rad dorthin. Anschließend gehe ich meist erstmal zum Sport. Um 8h morgens bin ich am Schreibtisch noch nicht sehr effektiv. Mein Kind geht nach der Schule in den Hort und dort hole ich ihn um 17h ab, wir fahren heim und machen Abendessen. Währenddessen sind manchmal Hausaufgaben zu machen, das geht am besten, wenn ich was in der Küche mache und mein Kind am Küchentisch sitzt. Dann essen wir zusammen, entweder zu zweit oder auch zu dritt mit unserem Mitbewohner, manchmal ist auch meine Beziehung noch dabei, dann sind wir vier. Um halb acht müssen wir schon im Bett liegen, das schaffen wir aber fast nie. Spätestens um 20h geht aber schon meistens bei meinem Kind das Licht aus. Danach arbeite ich oft noch am Schreibtisch für ein, zwei Stunden. Montags holt C. mein Kind ab und mein Kind übernachtet dort auch, so dass ich einen Tag in der Woche nicht morgens so früh raus muss und auch den Montagabend für mich habe. Mittwochs bringt T. mein Kind bei uns ins Bett und ich komme gegen 21h dazu. Die Wochenenden verbringen wir entweder zusammen, ein/zwei Mal im Monat ist mein Kind aber auch bei T. und seinem Mann übers Wochenende oder fährt mit C. zu dessen Sommerhaus in Brandenburg. Dann habe ich kinderfreie Zeit für mich und/oder meine Beziehung.

Was ist schwer?
Die ersten Jahre waren sehr hart als ich noch mehr allein war und sich die neue Familienkonstruktion erst zusammenfinden musste. Diese aktuelle Familie bedarf viel Kommunikation, manchmal empfinde ich das auch als Sozialstress. Wobei ich es mittlerweile vor allen Dingen als Entlastung empfinden kann und es sich total auszahlt.
Schwer finde ich die Logistik rund um mein Arbeitsleben. Ich bin beruflich sehr viel unterwegs und muss immer den Alltag für mein Kind so organisieren, dass es einigermaßen normal weiterläuft. Das ist oft ein ziemliches Tetris-Spiel mit verschiedenen Kalendern.
Schwer ist für mich auch, dass ich doch irgendwie immer noch alleinerziehend bin und meine aktuelle Beziehung keine großen Ambitionen hat, ein Kind zu bekommen. Ich wollte ursprünglich nie ein Einzelkind erziehen und auch nie ohne den Vater. Nun bleibt es vermutlich genau dabei. An manchen Tagen finde ich es schade, an den meisten Tagen aber alles ganz prima so.

Was ist leicht?
Mittlerweile ergeben sich durch die vielen Menschen in unserem Umfeld manchmal so viele kinderfreie Zeiten, dass ich mir in manchen Phasen sogar wieder mehr Zeit mit meinem Kind ersehne. Tolles Gefühl!

Was ist/wäre für dich persönlich das beste Familienkonzept?
Ich finde unser Leben so ganz schön toll. Und würde es mittlerweile auf jeden Fall auch wieder so machen und vor allem auch anderen Leuten empfehlen. Ich glaube, wenn Kinder in kindersolidarischen Gemeinschaften und mit Freund*innen, mit denen man sich die Verantwortung teilen kann aufwachsen, sind alle ganz schön gut dran.

Was/Wer* empowert dich?
Ich habe zwei Therapien gemacht, in denen ich sehr viel reflektieren kann und konnte. Das hat mich sehr empowert, nicht immer so undankbar mit mir selbst zu sein und viele positive Eigenschaften als diese wahrzunehmen. Das empowert mich immer wieder sehr.
Und die Zuneigung meines Kindes und der Zusammenhalt, den wir miteinander haben, gibt mir auch Kraft. Es ist so ein wunderbares Wesen!

Denkst du politisch & gesellschaftlich wird genug für Mütter*/ non binary Elter getan?
Absolut nicht! Sexismus ist en vogue. In allen Bereich. Dazu kommt noch, dass in Deutschland immer noch die heterosexuelle Ehe als das heilige Gut verkauft wird und alles Andere als „unnormal“ gilt. Dabei ist doch genau das Gegenteil immer mehr der Fall. Frauen*, Mütter*, Alleinerziehende* und gleichgeschlechtliche Beziehungen sollten viel mehr supportet werden.

Findest du Support im Feminismus?
Unbedingt! Vor allen Dingen dort!

Bist du politisch/ aktivistisch etc. aktiv? (Wie) Lässt sich das mit Elter sein (organisatorisch) vereinbaren?
Ich bin als politische Bildnerin jeden Tag auch im Beruflichen politisch aktiv. Ehrenamtlich engagiere ich mich als Skateboarderin für mehr Frauen und Mädchen im Skateboarden. Organisatorisch lässt sich das ganz ok vereinbaren. Aber mehr geht definitiv zur Zeit nicht.

Was fehlt?
Zeit zum Schlafen, Urlaub machen, trödeln oder langweilen. Und mehr Zeit zum Spielen mit meinem Kind.

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#ohneVaeter ist eine Interviewreihe, mit  Eltern_Müttern* jeden Alters, die ihre Kinder (zum größten Teil) ohne Cis-Väter betreuen. Ausführliche Info zu meiner Motivation und wie ihr teilnehmen könnt findet ihr hier und hier.

Beitragsbild © Anna

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