Es ist der letzte offizielle Tag der Sommerferien in Berlin. Das Kind ist unterwegs mit Freund*innen. Zeit eurem Wunsch nachzukommen und einen Rückblick auf die letzten sechs Jahre Grundschulzeit zu werfen. Sechs Jahre, weil das in Berlin die Regel ist. Vier Jahre Grundschule finde ich zu kurz aber auch der Wechsel nach sechs Jahren ist nicht gerade optimal, wenn die Kinder eh schon mit den Veränderungen ihrer Körpers klar kommen müssen. Aber eigentlich finde ich sowieso, dass das komplette Schul- und Bildungssystem neu aufgebaut werden müsste. Nach der Revolution. Aber vielleicht fange ich mal von vorne an.
Der Wechsel vom Kindergarten (o.ä.) zur Schule ist ein ziemlicher Kulturschock. Manchmal frage ich mich ob vielleicht alles anders gelaufen wäre, wenn wir nicht umgezogen und das Kind mit ihren Freund*innen aus dem Kindergarten in Berlin auf eine Schule gegangen wäre. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte die Schule auszuwählen und anzuschauen. Vielleicht. Ein bißchen. Ich glaube aber, dass sie die meisten Dinge, trotzdem erlebt hätte. Was Diskriminierungen angeht unterscheiden sich die meisten Schulen nämlich nicht groß und wir haben immerhin drei kennengelernt: Ohne groß ins Detail gehen zu wollen aber von Blackface beim Karneval (Schule 1), zu „Pipi Langstrumpf ist nicht rassistisch und ihr Kind versteht das doch sowieso noch gar nicht“ (Schule 2) hin zu „Dein Verhalten ist nicht normal“ (Schule 3) war einiges dabei.

Ich finde: die Schule kann einen noch so guten Ruf haben, wenn ihr Pech habt und die eine Lehrkraft erwischt, die keinen Bock hat oder aus welchen Gründen auch immer euer Kind nicht mag ist es eh egal. Das soll nicht heißen, dass ihr einfach die nächstbeste Schule wählen solltet. Nutzt, wenn überhaupt möglich, auf jeden Fall die Chance euch mehrere Schulen anzuschauen. Ihr solltet nur einfach darauf vorbereitet sein, dass auch an eurer Wahlschule nicht alles glatt läuft. Übrigens habe ich dann auch gelernt, dass nicht nur die Lehrkräfte passen müssen sondern die anderen Kinder genauso wichtig – und das tatsächlich nicht immer automatisch die Freund*innen aus dem Kindergarten – sind.

Es hat also zwei Fehlversuche gebraucht eh wir die passende Schule gefunden hatten inklusive

einer Klassenlehrerin, die Verhalten von schulischer Leistung trennen konnte und die Kinder unterstütze,
einer Klassengemeinschaft, die zusammenhält,
Kinder, die sich gern haben und eine Erzieherin, die sich kümmert,
gute Sozialarbeit, Konfliktlösung und Zusammenarbeit mit den Eltern.

und trotzdem war noch längst nicht alles perfekt. Das liegt, wie gesagt, daran, dass das deutsche Bildungssystem, wie die meisten gesellschaftlichen/ staatlichen Institutionen, immer noch zutiefst rassistisch, (cis)sexistisch, ableistisch, klassistisch, adultistisch usw ist und besonders die Schule vor allem dazu da ist Kinder an die Norm anzupassen und den Lehrkräften auf der Uni beigebracht wird wie das geht (d.h. z.B. Seminare zu Antidiskriminierung immer noch nicht Pflicht sind). Darum bietet Schule auch wenig Spielraum für Kinder, die nicht gut mit Schule klarkommen und im schlimmsten Fall macht die Schule dann das Kind zum Problem.

Mich erstaunt es oft, dass (Grund)Schule von Erwachsenen, besonders Elter*n so unkritisch hingenommen wird, obwohl wir alle mehr schlecht als recht dadurch sind und sich seit dem nicht allzu viel verändert hat an dem System. So sind mir sind zwar einige antirassische Projekte bekannt, aber mir fehlen aktuelle feministische Perspektiven und Blicke auf die Verknüpfung der verschiedenen Diskriminierungsformen, die in der Schule oft auch noch verfestigt werden. Manchmal ganz offensichtlich, manchmal so subtil, dass man an sich selbst zweifelt…

Aber wie unterstütze ich jetzt mein Kind – besonders wenn ich weiß oder sich rausstellt, dass es nicht in die Norm passt? Ein paar Tipps und Vorschläge oder so ähnlich (unvollständig und unsortiert):

  • Das eigentlich Problem sind nicht eure Kinder sondern das System Schule.
  • Hört euren Kindern zu, vertraut und glaubt ihnen. Oft kommen Geschichten zeitverzögert bei den Elter*n an, vor dem Schlafen gehen oder morgens beim Aufstehen zum Beispiel. Versucht euch dann Zeit zu nehmen.
  • Macht allen Beteiligten deutlich, dass ihr hinter eurem Kind steht und es unterstützt und es sich nicht um jeden Preis anpassen muss.
  • Erinnert euch und die Lehrkräfte daran, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, sie müssen nicht so funktionieren, wie wir das gerne wollen.
  • Erinnert Lehrkräfte daran, dass Respekt vor anderen haben nicht Obrigkeitshörigkeit bedeutet. Sich gegen Ungerechtigkeiten wehren, auch laut, ist keine Respektlosigkeit.
  • Es gibt Konflikte unter den Kindern, zwischen Lehrkräften und Kindern und dann noch die allgemeinen Probleme an der Schule, wie z.B. rassistische Projekttage, normative Lernmittel, sexistische Lehrer, mangelnde Betreuung der Kinder mit Förderbedarf. Sprecht mit euren Kindern ab, ob sie die beiden erstgenannten Konflikte selbst lösen wollen oder ihr euch einschalten sollt. In vielen Fällen bekommen sie das auch ganz alleine hin, wenn sie wissen, dass ihr sie zuhause unterstützt. Ich habe oft erlebt, dass besonders wenn es unter den Kindern Konflikte gibt, Elter*n es oft nur schlimmer machen. Manchmal ist es aber auch sinnvoll trotzdem mit den Lehrkräften zu sprechen. Bei allem anderen ist es gut sich mit anderen Elter*n zusammenzutun (zugegebenermassen nicht immer ganz einfach).
  • Geht nicht alleine zu Schulgesprächen, nehmt euch eine Person mit, dier euch unterstützt.
  • Aktiviert euer Dorf
  • Soweit es geht Interaktionen zwischen den Erwachsenen in der Schule und den Kindern (muss nicht immer das eigene sein) beobachten. Das geht z.B. ganz gut beim Abholen: Wie reagieren die Erwachsenen auf die Kinder? Sind sie interessiert? Hören sie auch bei Konflikten zu? Dürfen Kinder Kritik üben?
  • Bietet den Kindern aber auch den Lehrkräften Alternativen zu den normativen Lernmaterialen und besprecht Dinge, die ihr nicht gut findet. Bietet euren Kindern einen Gegenpol zur Schule und der Schule Informationen.
  • Lasst euren Kindern Zeit. Zeit beim Lernen, Zeit zum Spielen und Zeit zum Nichtstun.
  • Noten sind unwichtig und meistens eh nur eine subjektive Bewertung ob eure Kind sich dem System anpassen kann.
  • Schule ist anstrengend. Gönnt euren Kindern Pausen und lasst sie wissen, dass sie das Bedürfnis danach ehrlich kommunizieren dürfen und sich keine Bauchschmerzen ausdenken müssen: Ja, Schulpflicht besteht aber einen Tag zuhause bleiben um auszuruhen hat immer wieder gut getan. Es geht eh so Viel des Leben für die Schule drauf, Kuscheln ist genauso wichtig.
  • Freund*innenschaften ausserhalb der Schule sind wichtig.
  • Veränderungen an einer Schule selbst zu bewirken dauert eher lang, andere Elter*n sind meistens auch etwas träge, darum ist es wichtig sich zu allererst auf die Kinder und ihre Bedürfnisse zu konzentrieren. Elternarbeit ist wichtig aber kostet viel Zeit und Kraft.
  • Last but not least: Die Strategien und Ideen, die ihr habt um eure Kinder zu schützen können von denen der Kinder abweichen. Auch wenn es vielleicht bedeutet, dass sie sich tatsächlich erstmal anpassen. Drängt eure Ideen nicht auf. Lasst sie selbst entscheiden, wie sie das handhaben wollen aber unterstützt sie dabei und bietet ihnen Räume zum Austausch auch mit anderen betroffenen Kindern und Jugendlichen an.

Schule heißt auch loslassen und realisieren, dass wir unsere Kinder tatsächlich nicht vor Allem schützen können und das ist ein hart zu schluckender Brocken, aber Kinder sind meistens schlauer und tougher als wir denken und wenn wir ein bißchen aufpassen und helfen, schaffen sie auch das.. in der Zwischenzeit können wir uns gemeinsam dafür einsetzten, dass, und überlegen wie, es besser wird, dieses System.

Links zum Weiterlesen/ Infomaterial etc:

why black children in german schools need to be supported

Offener Brief: Liebe Schüler_innen, die mich für „Schule ohne Rassismus“ eingeladen haben

Aufklärung und Beratung zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt

Institut für diskriminierungsfreie Bildung

Black Girls Are Too Often Treated as Older Than They Are—and Suffer for It

quix – kollektiv für kritische Bildungsarbeit

Es gibt keine Schule ohne Rassismus

Inititative intersektionale Pädagogik

Each one Teach One

Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen

Berliner Netzwerk gegen Diskrminierung in Schule und Kita

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