Es ist Sonntag früh. Ich liege noch im Bett, aber gemütlich ist es nicht. Denn die Dinge die mich vor dem Einschlafen & nach dem Aufwachen beschäftigen sind alles andere als schön: das Wohnungsamt will einen Negativbescheid vom BaföG-Amt, d.h. ich muss noch ein Formular bei noch einem Amt ausfüllen, das mir bestätigt, dass ich von ihnen kein Geld bekomme. Außerdem will die Familienkasse den Wohngeldbescheid und das Wohnungsamt den Bescheid der Familienkasse zum Kinderzuschlag. Jeweils um die Bescheide zu erstellen natürlich.
Währenddessen warte ich immer noch auf meinen Jobcenter Bescheid für die Monate Juli – September und den neuen Unterhaltsvorschuss, den ich auch im Juli beantragt habe. Immerhin weiß ich seit letzter Woche, dass der Antrag beim Jugendamt eingegangen ist.
Ich bin müde und ich mache mir Vorwürfe. Überlege immer wieder was ich falsch mache. Ob ich wirklich nicht mit Geld umgehen kann. Ob ich das mit der Selbständigkeit hätte sein lassen sollen und die Entscheidung noch mal zu studieren doch die Falsche war.
Alles was ich will ist nur ein kleines bisschen finanzielle Unterstützung für meine Arbeit: und ich tue eigentlich nichts anders als Arbeiten: Care Arbeit, Hausarbeit, Selbständigkeit, Studium. Jedes Mal wenn ich rausgehe um mich mit Freund*innen zu treffen, schlechtes Gewissen. Jedes extra Lebensmittel, schlechtes Gewissen. Jedes Kleidungsstück, schlechtes Gewissen. Jedes Mal Geld leihen müssen, schlechtes Gewissen.
Es gab seit 12 Jahren eigentlich nicht ein Jahr, in dem ich nicht um meine, unsere Existenz bangen musste. Vor 2 Jahren hat mich das so krank gemacht, ich fiel ein halbes Jahr aus, verlor meinen Job & damit die Chance endlich richtig Fuß zu fassen in der Branche. Ich musste wieder von vorne anfangen. Teilzeitjob, der eigentlich unbefristet war & mich dann doch nach neun Monaten kündigte, weil es nichts zu tun gab. Ich beschloss mich nebenbei selbständig zu machen. Suchte aber weiter nach Jobs & bekam nur Absagen. Dann die Idee Gründungszuschuss zu beantragen & die Selbstständigkeit auf Vollzeit auszuweiten. Musste schnell gehen, denn Anspruch auf diesen Zuschuss hat man nur, wenn noch sechs Monate Anspruch auf ALG I besteht. Die Vermittlerin beim Arbeitsamt war vermutlich froh. Hatte eh keine Jobs für mich.
Nur: was nützt mir der Zuschuss wenn ich ihn nicht für die Firma sondern für meine Lebenshaltungskosten ausgeben muss? Kein Geld für Werbung oder Ware = keine Reichweite = kein Einkommen. und dann war irgendwie meine Kraft schon aufgebraucht.
Also versuchen aufzustocken. Nur ein bisschen. womit wir wieder ganz am Anfang wären und ich immer noch im Bett liege. müde. gescheitert am naiven Versuch sich aus dem Nichts unabhängig zu machen im Kapitalismus & dafür professionelle Hilfe zu finden. Ich weiß noch nicht genau wie es ich es mache aber ich arbeite erstmal weiter, studiere weiter, fülle weiter Formulare aus und ab und an schreibe ich eine Bewerbung, denn aufgeben kann ich mir ja eh nicht leisten.

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