Seit erna im april 1997 gestorben ist lebe ich mit einem geist. ihrem geist. 1997 war sowieso ein komisches jahr aber omas tod war hart. erna war 86 als sie starb. sie hat 2 weltkriege und ihren ehemann überlebt. sie hat 5 söhne und 8 enkelkinder. eins davon bin ich. die jüngste. 1997 war ich 12 jahre alt, haute auf der beerdigung ab um und wanderte auf dem friedhof herum, traf einen alten herrn und unterhielt mich mit ihm, kann mich aber nicht mehr daran erinnern was er zu mir sagte. seit 1997 habe ich nicht nur angst vor dem allein sein nach dem tod sondern sehr viele fragen an erna, die ich ihr nicht mehr stellen kann. ich vermisse sie. bis heute kommen mir noch die tränen wenn ich ganz fest an sie denke. auch jetzt. mein vater, ihr sohn, fragte mich einmal warum sie so wichtig für mich ist, ich habe sie doch kaum gekannt. dabei gibt es fast nur schöne erinnerungen an oma, ihre schwester und das große haus mit dem riesigen garten in dem die beiden wohnten: die schaukel am apfelbaum, oma beim kartoffelernten helfen, himbeeren pflücken, spielzeugautos im wandschrank, das bunte glasfenster, ihre riesigen lustigen unterhosen, und so so viel wärme… und dann war da dieses familienfoto.

dass ich meine roten haare von ihr geerbt hatte wusste ich, aber das sie mir als kind so ähnlich sah hat mich fast ein bißchen erschrocken. im positiven. seit dem lebe ich mit ernas geist und all den fragen, die ich ihr nicht mehr stellen kann. in dem jahr ihres 20. todestages beschloss ich mich endgültig auf die suche nach erna zu machen und so viele antworten zu finden, wie möglich eh es zu spät ist und die menschen, die sie länger kannten und mehr wissen auch nicht mehr da sind. im jahr danach setzte ich das um. es wird vermutlich eine deutsche mitläufer geschichte. wäre es eine geschichte des widerstandes, dann wüssten wir bescheid. wüssten wir mehr. glaube ich. wissen tue ich nur wenig und selbst das nur ungefähr. besonders jahreszahlen sind verschoben in meinem kopf.

geboren ist erna im februar 1911, in der nähe von halle an der saale. sie hatte 8 geschwister. oma hat in der landwirtschaft gearbeitet, wie mein großvater. der hatte einen dr. und hat getreide gezüchtet. sie war beim roten kreuz während des 2. weltkrieges. die amerikaner haben die beiden später mit nach westdeutschland genommen. also hatten sie einen persilschein. ihr erster sohn kam 1942 auf die welt. der letzte, mein vater, 1950. sie hat sich den wecker gestellt um muhammad ali boxen zu sehen. hat dinge gesagt wie „ich gehe nicht in die schule, da reden sie nur schlecht über meine jungs“. ihr mann ist mitte der 70er gestorben und solange ich mich erinnern kann, hat sie mit ihrer älteren schwester zusammengelebt. tante martchen.

oma hat sich immer gefreut, dass ich gerne esse und hat selbst gerne gegessen. erna hatte diabetes typ 2. sie liebte krimis, besonders agatha christie, hat bei bofrost bestellt, hatte den keller voller eingemachtes und hat immer wenn sie die restliche salatsoße aus der großen schüssel austrinken wollte so getan als wäre draussen am fenster ein einhörnchen. ich bin immer drauf reingefallen. ich seh sie noch wie sie am regal steht und sich einen apfel aufschneidet. ich vermisse oma.

ich habe ein paar fotos von ihr zuhause hängen. auf einem davon steht sie im kleid neben einer anderen frauisierten person in einem anzug. bis jetzt konnte mir keiner sagen, wer das ist. und ich kann sie nicht fragen. und es wird zeit mich mit ihrem geist zu beschäftigen.

mein onkel hat vor ein paar jahren briefe der familie, die sie sich  nach dem krieg schrieben, digitalisiert. mein vater hat das selbe mit fotos vor, die er gefunden hat, und es gibt noch eine problematische cousine, die wohl am meisten weiß und gesammelt hat über die familie.  ich fange mit den briefen an. ich weiß nicht was ich finden werde. welche politische einstellung sie hatte. wie sehr mein positives bild von ihr zerbrechen wird. ich weiß nicht ob erna eine verhältnismäßig durchschnittliche deutsche frau des 20 Jahrhunderts war oder eine besondere geschichte hat. vielleicht ist das aber auch egal, denn die geschichten von diesen frauen werden eh viel zu selten erzählt. zeit das zu ändern.

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finding erna ist eine lose reihe, in der ich mich, 21 Jahre nach ihrem tod, auf die suche nach der geschichte meiner großmutter erna mache… und vielleicht auch mir selbst. 

 

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